Virginia macht es spannend

November 8, 2006

Ja, es ist spät und ja, ich sollte entweder im Bett liegen und von meinem Schatz träumen, oder zumindest hier am Laptop sitzen und an meinem Paper über die Berliner Luftbrücke arbeiten, aber manchmal ist Aktualität einfach so unglaublich wichtig, dass man alles andere stehen und liegen lassen muss, um etwas kund zu tun: Virginia macht es spannend.

Außerdem macht es auch noch Montana spannend, aber da wohn ich zur Zeit nicht, also erst später dazu mehr. Zurück zum Thema: In Virginia wird sich vielleicht das Rennen um den letzten Platz im Senat und damit eine Mehrheit für eine der beiden Parteien enscheiden.

Im Moment (4:26 Eastern Standard Time) liegt der Demokrat James Webb hauchdünn vor dem Republikaner George Allen. Hauchdünn heißt in diesem Zusammenhang, dass Webb zur Zeit mit knapp 7.847 Stimmen vorne liegt, bzw. (nach CNN-Angaben) mit 50 zu 49%. Das könnte sehr eng werden.

In Montana ist es noch etwas enger, auch dort liegt ein Demokrat namens Jon Tester nur 3.293 Stimmen vor dem GOP-Kandidaten Conrad Burns.

Der Hauptunterschied zwischen den beiden States ist jedoch, dass in Virginia schon 99% der Stimmen ausgezählt sind, in Montana nur 83%. Das sieht jetzt erst mal so aus, als können in Virginia gar nichts mehr passieren, in Montana aber noch eine ganze Menge. Das ist so nicht ganz richtig.

Gehen wir von einer durchschnittlichen Wahlbeteiligung von 50% aus, dann haben im Bundesstaat Virginia (7.2 Millionen Einwohner, also ca. 5 Millionen Wahlberechtigte) 2.5 Millionen Menschen ihre Stimme abgegeben. 99% der Stimmen sind schon ausgezählt, also fehlen noch gut 25.000 Stück.

In Montana hingegen, dem dünnbesiedelsten Bundesstaat der USA, leben 909.000 Menschen. Auch hier ziehen wir ca. 1/3 ab und sind somit bei ca. 600.000 Wahlberechtigten. 50% davon haben ihre Stimme abgegeben. Also 300.000. Von diesen Stimmen sind schon 83% ausgezählt, es fehlen als noch 17% – oder in anderen Worten/Zahlen: 51.000 Stimmen.

Im Endeffekt (wenn meine Rechnung sich mit den eigentlichen Zahlen deckt) sind in Montana noch doppelt so viele Stimmen auszuzählen, als in Virginia. Schon sieht der Unterschied zwischen einem Prozent und 17% nicht mehr ganz so groß aus.

Sollten beide States an die Demokraten gehen (was ich doch schwer hoffen will, schließlich hab ich einen Aufkleber von Webb getragen), würde nicht nur die Mehrheit der Sitze im House of Representatives an die Demokraten fallen, sondern auch der Senat. Und das würde George W. Bush zu einer „lahmen Ente“ machen, wie gestern die „Tagesschau“ und das „heute journal“ verkündeten. Dann wären die letzten zwei Bush-Jahre ziemlich mühseelig für George, weil die Legislative (Senat etc.) immer wieder gegen ihn stimmen könnte (und wahrscheinlich würde). Also ist ein Schmusekurs angesagt, was bei Bush mit ziemlicher Sicherheit eine gewisse Kurskorrektur beinhalten wird.

Die „NY Times“ nennt übrigens die gleichen Zahlen wie cnn.com. Und auch zwanzig Minuten nachdem ich diesen Beitrag angefangen habe, hat sich auf cnn noch nichts an den Zahlen geändert. Es bleibt spannend.

EDIT: Ich lag ja sowas von richtig mit meiner Wahlbeteiligungsprognose. Ich hatte 2.5 Millionen abgegebene Stimmen in Virginia geschätzt. Die „Washington Post“ spricht von 2.3 Millionen, sagt jedoch, dass schon 99.8% der Stimmen ausgezählt sind.

Edit II (11:26 ET): Beide Demokraten führen noch, in Montana sind die Stimmen jetzt auch zu 99% ausgezählt und in Virginia wird schon lautstark von einem „Recount“ der Stimmen gesprochen, den die Verfassung von Virginia dem Verlierer zuschreibt, wenn er/sie mit weniger als einem Prozent Unterschied verloren hat. Siehe hierzu cnn.com (Video).


Der Präsident am Telefon

November 7, 2006

Heute sind Midterm-Wahlen in den USA. Die meisten Prognosen sehen die Demokraten vorne, es könnte sein, dass Georg W. Bush heute seine Mehrheit im Congress verliert – was eine Weiterführung seiner Politik in den letzten zwei Amtsjahren sehr erschweren würde.

Der George sitzt also jetzt ins einem ovalen Büro und denkt drüber nach, was er macht, wenn die Demokraten genug Sitze ergattern können, um seiner Politik einen deutlichen Dämpfer geben zu können. Aber was denkt er wirklich? Mit wem redet er über seine Gedanken? Wer hält in dieser schweren Zeit zu ihm, wer spricht deutliche und (da er der Präsident ist) wahrscheinlich weniger deutliche Worte gegen ihn?

Das Präsidentenamt ist ein Kommunikationsjob, vieles läuft über die sicheren und ungesicherten Leitungen dieser Welt, selbst Kriege können am berühmten „roten Telefon“ entschieden werden.

Was George sich heute denken wird, worüber er mit seinen Vertrauten reden wird, werden wir wahrscheinlich nie erfahren. Wenn überhaupt wird es einige Jahrzehnte dauern, bis die Aufnahmen dieser Gespräche deklassifiziert und herausgegeben werden. Außerdem ist unklar, ob die Gespräche im Weißen Haus, sei es am Telefon oder im Oval Office überhaupt aufgezeichnet werden.

Das war nicht immer so. Von Roosevelt über Eisenhower bis hin zu Nixon (wobei Nixon den absoluten Höhepunkt darstellt) wurden die Gespräche des Präsidenten aufgezeichnet. Im Fall Nixon auf seinen Wunsch hin, manchmal aber auch ohne Genehmigung von höchster Stelle. In den letzten Jahren sind diese sogegannten „White House Tapes“ veröffentlicht worden. Vor dem Watergate-Skandal hatte Nixon noch gesagt, dass die Aufnahmen nie die Öffentlichkeit erreichen würden, da sie top secret Informationen beinhalteten – diese ach so geheimen Information (wie wir im Nachhinein wissen) hatten viel mit seiner Verwickelung in den Einbruch in das Watergate Hotel in Washington zu tun, ein Skandal, der ihn letztendlich das Amt kostete.

Hier am Miller Center des University of Virginia ist ein ganzes Team damit beschäftigt die Tapes auszuwerten und sie nach zeitlichen und inhaltlichen Gesichtspunkten zu ordnen. Viele Gespräche gibt es sogar mit Transcripts, da die Tonqualität des White House Tapes leider oft sehr zu wünschen übrig lässt.

Wir können zwar nicht wissen, was George W. Bush heute denkt, wir können aber hören, was Nixon in Gesprächen über den Watergate-Skandal sagte, wie Roosevelt mit hohen Army-Offizieren über den Ausgang des Krieges spekulierte und wie Lydon B. Johnson sich neue Hosen bestellt – und dabei mehr als einmal von seinen Eiern redet und der Notwenigkeit, dass die genug Luft zum „baumeln“ haben.

Das Archiv der „White House Tapes“ ist unglaublich umfangreich und wächst ständig, da immer wieder neue Tapes herausgegeben werden. Wenn man sich aber erst einmal mit dem Suchsystem angefreundet hat, kann man so einiges an Tagespolitik, die die Welt verändert und erschüttert hat, mit erleben und sehen, dass Politik nicht immer das ist, was sie in den Medien vorgibt zu sein.

whitehousetapes.org