Krebs durch vorehelichen Sex

Die Amerikaner sehen sich als ein so freies Völkchen, dass jede Einschränkung, sei es durch die Bundesstaaten, oder (noch viel schlimmer) durch die Regierung in Washington, erst einmal skeptisch aufgenommen, geprüft und dann geduldet oder aber abgelehnt wird. Das ist heute so und das war schon immer so.

Die amerikanische Verfassung von 1787 war genau so eine Einschränkung, bei denen die Einwohner des „neuen Kontinents“ erstmal kräftig schlucken mussten, bevor sie (bzw. ihre Repräsentanten) zustimmten. Die „Constitution“ gab der Regierung der Vereinigten Staaten eine Machtfülle, bei der sich viele Einwanderer an ihre alte Heimat Europa erinnert fühlte – ein Gefühl, wegen dem sie die „alte“ Welt verlassen hatten. Viele Amerikaner waren besorgt, dass eine so starke Regierung sehr schnell in eine Tyrannei umschlagen könnte – und dass sie die europäischen Verhältnisse, vor denen sie geflohen waren, einholen würden.

Aus diesem Grund wurde nur zwei Jahre nach Verabschiedung der ursprünglichen amerikanischen Verfassung damit begonnen eben diese zu ändern – im Englischen nennt sich dieser Prozess Amendment. 1789 wurden die ersten zwölf Amendments beschlossen und den Bundesstaaten zur Ratifizierung vorgelegt. Bis 1791 hatten es zehn dieser zwölf Änderungen durch den Ratifizierungsprozess geschafft und konnten unter dem Namen „Bill of Rights“ in die amerikanische Verfassung aufgenommen werden.

Seit 1789 sind über 10.000 Vorschläge für Amendments eingegangen, nur 27 haben es in die Verfassung geschafft. Man kann also sehen, dass diese Änderungen wichtiger Natur waren – mit dem „Bill of Rights“ an der Spitze in Punkto Wichtigkeit.

Heute soll es nicht um die Verfassung als solches, oder die 27 Amendments gehen, sondern nur um ein Amendment – eines auf das sich jeder Amerikaner gerne und oft beruft – das „First Amendment“:

Amendment I – Freedom of Religion, Press, Expression. Ratified 12/15/1791.

Congress shall make no law respecting an establishment of religion, or prohibiting the free exercise thereof; or abridging the freedom of speech, or of the press; or the right of the people peaceably to assemble, and to petition the Government for a redress of grievances. (link)

Im Klartext heißt das, dass die US-Regierung nicht mal im Traum dran denken soll, den Bürgern ihre freie Meinungsäußerung und ihr Recht auf friedliche Versammlung zu nehmen, oder eine Zensur der Presse zu veranlassen. Außerdem, und das ist für diesen Beitrag wichtig, sagt das erste Amendment ganz klar, dass der Kongress keine bestimmte Religion installieren darf und es damit eine absolute Religionsfreiheit in den USA gibt.

Jeder darf seinen eigenen Glauben haben und ausleben, es sei denn er verstößt gegen irgendwelche anderen Gesetze, wie z.B. im Fall Reynolds vs. United States von 1878. Über seinen Glauben reden darf man aber (fast) immer und (fast) überall. Kirchen sind hier so oft gesehen wie McDonalds, man könnte fast meinen, dass jeder Amerikaner seine eigene Kirche hat.

Gepredigt wird auch überall, vor allem aber im Fernsehen und an öffentlichen Plätzen. Womit ich, nach einem langen Ausflug in die amerikanische Geschichte, beim eigentlichen Thema dieses Eintrages bin.

Studenten gelten in den USA als gottlos, zumindest bekommt man das Gefühl, wenn man alle paar Tage von einem Prediger angeschrieen wird, wenn man am Amphitheater der Uni vorbei geht. Prediger stehen gerne auf dem Rasen des Auditoriums und brüllen ihre Ideen von Religion und Gottesfürchtigkeit unter das (studentische) Volk. Heute war wieder so ein Tag. Und da es sonnig war und sich auch andere Leute das Spektakel anguckten, entschied ich mich gegen meinen Politikkurs und widmete meine ganze Aufmerksamkeit dem „Missionar“, der sich auf dem Rasen des Freilicht-Auditoriums um Kopf und Kragen redete – ganz stilecht mit der Wunderwaffe des Christentums, dem Anfang allen und der Antwort auf alles Übel, der Bibel in der Hand.

Bekleidet mit beiger Stoffhose, braunem Hemd und Krawatte sah er ein bisschen naziesk aus – und seinen Worten nach zu urteilen, hatte er auch einiges Gedankengut aus der Zeit zwischen 1933 und 45 aufgeschnappt. Für diesen Prediger waren alle Juden (und seit neustem auch alle Moslems) schlechte Menschen. Die Juden, klar, weil sie Jesus umgebracht haben. Die Moslems, weil sie im Moment versuchen gute Christen mit selbst gebauten Bomben zu töten. Aber es wurde noch besser.

Nachdem Joe (ich nenne ihn jetzt einfach mal so, weil sich Joe so absolut nichts-sagend amerikanisch anhört) fertig mit den Juden und Moslems war, mussten die Frauen, speziell die Studentinnen, dran glauben. Mir blieb der Mund offen stehen, als Joe laut ausrief: „Alle Frauen hier an der Universität sind Huren. Und sie glauben, sie tun das richtige, wenn sie mit den Männern schlafen, dabei verkaufen sie sich und sind die schlimmsten Huren. Schlimmer als diejenigen, die es für Geld tun.“

Das lässt natürlich niemand auf sich sitzen, schon gar nicht in Amerika, wo jeder auf seine Redefreiheit pocht und seine fünf Minuten Ruhm haben möchte, auch wenn es nur in einem Auditorium vor knapp 100 Leuten ist. Also wurden massig Hasstiraden in Richtung Preacher-Joe geworfen, Joe versuchte sich mit Zitaten aus der Bibel zu wehren, aber der Gott, den er anflehte, die Sünder zu bestrafen, schien anderweitig beschäftigt zu sein. Im Höhepunkt der Auseinandersetzung marschierte eine der als Huren beschimpften Mädels zu Joe und bespukte ihn – unter dem Jubel des Auditoriums. Meiner Meinung nach eine ebenso dumme Aktio wie das Predigen an sich, aber egal.

Joe ließ sich aber nicht beirren, und da die Sonne schien und es warm war, blieben seine Zuhörer ihm auch weiterhin treu. Also predigte er weiter, ließ die Huren erstmal außen vor und widmete sich der Homosexualität, die er mit Hilfe irgendwelcher obskurer Theorien zu entkräften versuchte. Auch das erfolglos, aber dazu komme ich später.

Dann waren die Drogen dran und Joe zeigte allen Anwesenden wie man sich fühlt wenn man einen Joint raucht. Während er über den Rasen torkelte und dabei Verwünschungen ins Publikum schrie, stillte seine Frau seelenruhig das jüngste Kind auf der Bühne des Auditoriums. Immer mehr Studenten setzten sich auf die Treppen des Amphitheaters und sahen dem Schauspiel (zumeist) belustigt zu, bzw. genossen die Sonne und die Unterhaltung, die Joe unfreiwilligerweise bot.

Von noch mehr zuschauenden Menschen angestachelt setze der Prediger dann noch einmal zu einem Rundumschlag gegen die Studentenschaft der University of Virginia an, indem er alle Menschen der Sünde (die Gott übrigens nicht vergibt) bezichtigte, die a. Alkohol, Zigaretten, Drogen zu sich nehmen, oder b. vorehelichen Sex praktizierten – kein Wunder, dass sich da so ziemlich jeder angesprochen fühlte. Sein bestes Argument (meiner Meinung und dem kollektive Lachanfall aller Anwesenden nach) war jedoch, dass Frauen nach vorehelichem Sex keine Kinder mehr bekommen können, weil sie durch eben diesen Sex mit Krebs infiziert worden sind, der ihre Gebärmutter abtötet. Nach, wie gesagt, lautem Lachen und vielen Buh-Rufen (Joe hatte schon wieder das Wort „Hure“ benutzt) und einer misslungenen Wasserbomben-Attacke auf Joe besann sich dieser wieder auf ein anderes, schon bekanntes Thema – Homosexualität.

Ja, man kann sagen, dass Joe keine Schwulen und Lesben mag. Und das nicht, weil sie nicht nette Menschen wären (das betonte Joe ganz bewusst), sondern weil sie etwas Abscheuliches taten, indem sie mit ihrem gleichgeschlechtlichen Partner Gottes Ehre besudelten und die Schlimmste aller Sünden begangen. Auf den nächsten Programmpunkt war niemand im Auditorium gefasst, selbst Joe schien recht verdutzt zu sein. Mitten in seinen moralischen Vortrag über das Schlechte und Böse an Homosexualität platzen zwei Jungs hinein, die vor versammeltem Auditorium (und Joe) zu küssen begannen – begleitet von frenetischem Jubel der Anwesenden. Joe jubelte nicht, sondern versuchte sich hinter seiner Bibel zu verstecken, um nicht auch noch als Sünder da zu stehen.

Mittlerweile hatte ich Joe eine knappe Stunde zugehört und da er begann sich zu wiederholen (und ich der Meinung war, dass ich den Höhepunkt gesehen hatte) verließ ich das Spektakel und widmete mich wieder wichtigeren Dingen.

Durch dieses oben erwähnte Amendment war Joe geschützt. Und obwohl er den halben Campus zusammenbrüllte, ließ sich kein Polizist oder Security-Angestellter blicken. Aber lauf mal nackt über den Lawn (eine Tradition an der UVa, die ich nicht fortgeführt habe und auch nicht fortführen werde) – dann kleben dir drei Polizisten sprichwörtlich „am Arsch“.

Nackt über irgendwelche Rasen laufen ist übrigens durch keines der 27 Amendments gerechtfertigt. Irgendwo muss Freiheit ja auch aufhören.

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One Response to Krebs durch vorehelichen Sex

  1. Jan sagt:

    „ein bestes Argument (meiner Meinung und dem kollektive Lachanfall aller Anwesenden nach) war jedoch, dass Frauen nach vorehelichem Sex keine Kinder mehr bekommen können, weil sie durch eben diesen Sex mit Krebs infiziert worden sind, der ihre Gebärmutter abtötet.“

    joe hat da sogar recht! (fast, jedenfalls)
    bei der forschung nach einem aids-impfstoff ist man in testreihen zu dem ergebnis gekommen, dass dieses medikament die s.g. papillomaviren, die Verursacher von Gebärmutterhalskrebs, bekämpft. das medikament soll nächstes jahr in die apotheken kommen.
    der witz an der sache aber ist, dass es nur bei mädchen hilft, die noch keinen sex hatten, denn sobald der erste samen auf die gebärmutter getroffen ist, ist eine impfung nicht mehr wirksam.

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