Hallo, ween interessierts

Kein Online-Tagebuch über ein Auslandssemester in den USA wäre komplett ohne diesen Eintrag. Zumindest, wenn man im Wintersemester an einer US-Uni studiert, bei einer Familie Au-Pair macht oder einfach mal in die Staaten gezogen ist, nur so halt.

Heute ist Dienstag, der 31. Oktober 2006. Ein Dienstag ist ja von Natur aus nichts Besonderes. Und als Deutscher sieht man auch im Datum nicht wirklich etwas Spezielles. Wenn man dann aber auf dem Weg zu einer Vorlesung von einem Bekannten mit den Worten „Happy Halloween“ begrüßt wird, erkennt man, was für eine besondere Bedeutung diese Tag hat – und das obwohl es ein Dienstag ist.

Auch Professoren verteilen CandyMittlerweile versuchen wir in Deutschland ja auch Halloween zu feiern. Das funktioniert ungefähr genauso gut, wie Oktoberfeste in Amerika. Die, zumeist amerikanische, Industrie gaukelt dem Deutschen vor, er brauche Halloween, damit die Zeit bis Weihnachten nicht so lange ist und schmückt Einkaufspassagen mit nett-gruseliger Deko in den Traditionsfarben Orange und Schwarz. Nur, zweifarbig dekorieren bringt noch lange nicht das Besondere eines fremden Festes ins eigene Land – auch hier wieder ein Verweis auf die Oktoberfest-Manie in den Staaten, wenn es Bier aus blau-weißen Plastikbechern gibt und überall blau-weiße Girlanden in der Gegend rumhängen.

Zurück zu Halloween:

„Halloween“ hat übrigens nichts mit „Hallo“ zu tun, sondern ist die Kurzform von „All Hallows Eve(ning)“, zu deutsch: der Abend vor Allerheiligen.
(Zwiebelfisch-Kolumne/spiegel.de)

Besser hätte ich das auch nicht erklären können, weil ich es vorher nicht wusste. Wer eine ausführliche Beschreibung haben möchte, dem lege ich wie immer Wikipedia ans Herz. Und ha, ich verlinke den Artikel nicht, damit sich der geneigte Leser selbst die Mühe machen muss, nach dem Halloween-Artikel bei Wikipedia zu suchen. Trick or treat halt.

In einem Blog, von dem man (und ich als USA-Student ganz besonders) viel lernen kann, ist eine sehr schöne Erklärung, warum Halloween eines der schönsten Feste im Jahr ist:

Halloween ist ein reines Kinderfest. Das geht beim Übergang in andere Kulturen oft verloren und auch in den USA und Kanada gibt es immer mehr Teenager- oder Erwachsenen-Partys.

Halloween ist nicht religiös oder politisch. Das folgt eigentlich aus dem ersten Punkt – Kinder sind bekanntlich noch zu nah an Gott, um sich Sorgen um Religion zu machen – sollte aber betont werden.
(usaerklaert.wordpress.com)

Wie der Autor der „USA erklärt“-Blogs schon ganz richtig sagt, wird das Export-Halloween von einem Kinderfest zu einem Fest für alle Altersschichten, die ganz Alten mal ausgenommen. Gerade in Deutschland gibt es in jeder Dorfdisco eine Halloween-Party, von den zahlreichen privaten Mottopartys ganz zu schweigen. Auch hier in den USA werden solche Parties gefeiert, gerade an der Uni wird jede Möglichkeit, sich besinnungslos zu saufen, gerne genutzt. Nur finden die Partys meist an dem Wochenende vor Halloween statt, was den 31. Oktober zu einem (fast) reinen Kinderfest mit extremer Karies-Gefahr für die Jüngsten macht.

The Lawn an HalloweenAn der University of Virginia sind die Studenten noch einen Schritt weiter gegangen. Sie überlassen den Kindern nicht nur den Feiertag, sie helfen auch noch aktiv mit den Zahnärzten volle Terminkalender zu bescheren. Ich hatte heute um 16.45 Uhr Schluss und machte mich auf den Weg nach Hause. Mein Weg führt mich am Lawn vorbei, dem lang gezogenen Rasenstück an dessen Ende die von Thomas Jefferson entworfene Rotunde steht. Auf beiden Seiten des Lawns wohnen Studenten in alt-ehrwürdigen Anbauten, die Jefferson als „akademisches Dorf“ bezeichnete (US-Präsident Wodrow Wilson und Schriftsteller Edgar Allan Poe wohnten auch dort). Damit die Eltern nicht mit ihren Kindern durch die Nachbarschaft ziehen müssen, können alle Kinder ab dem späten Nachmittag auf den Lawn kommen und in ihren Kostümen Runde um Runde drehen und von den Studenten, die vor ihren Zimmern sitzen, Süßigkeiten bekommen.

Das gliedert nicht nur die Studenten in die Gemeinschaft ein, sondern hilft den Eltern, die sich einiges an Zeit ersparen können und durch die intensive Candy-Bewirtung der Studenten die Tüten der Kinder in einem Bruchteil der Zeit voll haben – böse Zungen behaupten, dass die Eltern eher für sich als für die Kinder sammeln.

Mr. Incredible - einer von vielen UnglaublichenLeider haben nur wenige Erwachsene vorher Zeit Kostüme selbst zu machen, weshalb man viele Kinder in 0815-Verkleidungen sieht. Gut, die kosten auch nur zehn Dollar. Für das Geld bekommt man hier nicht mal Nadel und Faden, um selbst ein Kostüm zu schneidern. Daher konnte ich heute zahlreiche Supermänner, Scream-Masken-Träger, Powerranger, Prinzessinen, Engel, Spidermänner und Darth Vaders bewundern. Am besten gefielen mir aber die Kostüme der Kleinsten, die Kinder, die noch nicht mal wissen, dass es Halloween gibt; die aber schon von ihren Eltern in Ganzkörperkostüme gesteckt werden. Topfavorit an diesem Abend war uneinholbar ein kleiner Junge, dem als Löwe verkleidet, immer wieder die Kapuze ins Gesicht fiel bzw. sein Schwanz irgendwo hängen blieb. Beides sorgte für zahlreiche Lacher und Gott-sei-Dank ist es auch nicht so schlimm, wenn man hinfällt, da man ja eh nur 80 Zentimeter groß ist und in einem flauschigen, gepolsterten Löwenkostüm steckt. Ein Foto hab ich davon aber nicht gemacht, weil ich mir dann doch zu sehr wie ein Stalker vorkam.

Nach zwanzig Minuten auf dem Lawn war Halloween aber auch schon wieder vorbei, zumindest für mich. Während ich jetzt hier sitze und über einem Paper zum Thema „Kuba Krise“ nachdenke, reiben sich die Zahnärzte überall auf der Welt die Hände – denn nach heute gibt es wieder einiges zu tun.

Zum Schluss aber noch der Tiefpunkt der Halloween-Festivitäten, den man so wahrscheinlich 1:1 in Deutschland finden wird (und von dem ich sehr überrascht war, ihn in den Staaten anzutreffen):

Ein Zimmer verteilte natürlich Zahnbürsten anstatt Kaugummi, Lakritz, Marshmallows, Candy, Lollies und anderer vorzüglicher Süssigkeiten. Mir taten weniger die Kinder leid; diese beachteten den Gesundheits-Stand gar nicht. Eher hatte ich Mitgefühl mit den Studenten, denn sie hatten das Prinzip von Halloween aber mal so gar nicht verstanden. Halloween ist der einzige Tag an dem man Süßigkeiten essen darf, OHNE über die Konsequenzen nachdenken zu müssen und OHNE von den Eltern einen auf den Deckel zu bekommen; da haben Zahnbürsten nun wirklich nichts zu suchen.

Das komplette Fotoset gibt es hier.

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2 Responses to Hallo, ween interessierts

  1. maxva sagt:

    Hi!

    Washington ist definitiv einen Besuch wert, aber wohl nur wenn man die Gebauede auseinander halten kann 😉

    Also, kommt ganz darauf an wieviel Zeit ihr habt, aber gnerell kann ich empfehlen mit der Metro bis zur „Federal Triangle“ zu fahren und sich dann alle Sehenswuerdigkeiten (Washington Monument, Abe Lincoln Memorial, White House) per Pedes anzuschauen. Koennte allerdings auch vom Capitol starten… Ansonsten sollte man sich definitiv auch eines der Smithsonian-Museen (http://www.si.edu/) oder Kunsthallen anschauen (sind alle umsonst und besonders das „Air and Space Museum“ ist der Hammer..).

    Ich fand die Gegend um die Georgetown Uni auch sehr nett, also Downtown Georgetown. Wenn das Wetter schoen ist, wuerde ich bis Rosslyn fahren (Orange U-Bahn Linie ) und dann ueber die Bruecke nach Georgetown laufen.

    Viel Spass,

    Max

    Es g

  2. maxva sagt:

    Ach ja, Oeffnungszeiten fuer die Museen im Auge behalten, denn die schliessen unter der Woche schon um 17.30…

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