Land unter vor Überland

Ab und zu regnet es. Das ist so. Da kann man nichts machen. Eigentlich ist Regen ja auch gar kein Problem, seitdem die Menschen in regenfesten Häusern wohnen und mit überdachten Autos von A nach B reisen. Blöd ist es dann nur, wenn man ein Cabrio hat, bei dem das Verdeck klemmt, oder, wie in meinem Fall, nur 450 Dollar für ein Auto mit Dach ausgegeben hat.

Am Freitag fing es richtig an zu regnen; und es hörte bis Sonntagabend auch nicht mehr auf. Freitagabend sind Martin und ich einkaufen gefahren – der Himmel ergoss sich über unseren 86er Jeep und der Dachhimmel ergoss sich über uns – um es mal überspitzt zu sagen: unser Auto war zu einem Feuchtbiotop mutiert. Der komplette Dachhimmel war klitschnass und es tropfte von unser der Sonnenblende aufs Lenkrad – nicht schön, wenn man sich überlegt, dass man die richtig schlechte Jahreszeit (Winter genannt) noch vor sich hat.

Da Martin und ich aber über ein geballtes Wissen im Umgang mit Undichtigkeiten unser Eigen nennen können, war das alles halb so wild. Folgendes Gespräch kann diesen Umstand beweisen:

Martin: „Das kommt irgendwo durch.“
Sebastian: „Yo.“
Martin: „Das kriegen wir wieder dicht.“
Sebastian: „Yo.“

Martin silikoniert die FrontscheibeAlso wurde nachgedacht, wie wir es „wieder dicht“ bekommen könnten. Möglichkeit 1, silbernes Gaffa-Klebeband (auch Panzerband oder Ducktape genannt), schied aus, weil es scheiße aussieht, Möglichkeit 2, durchsichtiges Gaffa-Klebeband schied aus, weil wir durch einen Geistesblitz auf Möglichkeit 3, Silikon, kamen. In einem Land wie Amerika kein Wunder; bekommt doch jedes dritte high school girl falsche, emm, nun ja, Titten, zum Abschluss geschenkt.

Wir kauften also Silikon und einen Abzieher, parkten das Auto in einer Tiefgarage und warteten auf besseres Wetter.

Es sah nicht so schön aus, aber vielleicht ist es ja dicht!Heute (Sonntag) war es dann endlich soweit, Mitte 20 Grad und Sonnenschein; und schwups war aller Kummer um „Land unter im Auto“ wie „weggeschwemmt“. Jedes Loch wurde zugemacht - nach der Devise: Nicht kleckern… klotzenIch holte den Jeep von seinem überdachten Parkplatz ab, stellte ihn vor Martins Wohnung in die Sonne und wir silikonierten, was die Tube hergab. Einmal rund um die Frontscheibe, sämtliche Löcher, die uns „spanisch“ vorkamen zu gemacht und zusätzlich noch den Dachgepäckträger abgedichtet. Der Jeep sieht seitdem nicht mehr ganz so schön aus, wie vorher – vielleicht ist aber dicht. Vielleicht. Beim nächsten Schauer wissen wir mehr.

Da, wie gesagt, heute schönstes Oktoberwetter war, mussten wir den Wagen dann auch gleich mal durch die Gegend fahren – ein erster Test also, der uns weiter als bis zum Supermarkt und zurück führte. Also packte ich meinen Fotoapparat und was zu trinken und ab ging es zum „Skyline Drive“.

Was zum Teufel ist ein „Skyline Drive“?

Der „Skyline Drive“ (nachfolgend SD genannt) ist eine Scenic Route, eine von tausenden in den USA – eine Straße also, an der es viele Aussichtspunkte und/oder Attraktionen gibt. Die Scenic Routes wurden in den 50ern und 60ern angelegt, damit die Amerikaner ihre Sonntagsausflüge machen konnten. Der SD führt von Norden nach Süden durch den Shenandoah Nationalpark und ist insgesamt 150 km lang. Die Straße windet sich dabei über die Bergrücken der Blue Ridge Mountains, die wiederum einen Teil der Appalachen bilden. Klar soweit.

Nachdem wir die Interstate 64 genommen und der Jeep 65 mph locker geschafft hatte Die Sicht von oben auf unten(zumindest die 20 Minuten lang), konnten die Berge kommen. Obwohl ich ein wenig Angst um den 20 Jahre alten Geländewagen, zahlten wir die 15 Dollar Eintritt und fuhren auf den SD. Man muss dazu wissen, dass der SD besonders im Oktober/November gut besucht ist, weil zu dieser Zeit das Land in ein Meer aus Rot-Gold getaucht wird; schuld daran ist der so genannte „Indian Summer„.

Wir mühten uns also von Aussichtspunkt zu Aussichtspunkt, Martin als Fahrer, ich als Fotograf. Teilweise zogen die Wolken direkt vor uns, hinter und um uns herum über die Berge, teilweise blendete die Sonne so sehr, das meine Kamera den Dienst quittierte – trotzdem konnte ich ein paar, wie ich finde, sehr schöne Panorama-Fotos (und auch Bilder im normalen Format) machen, die ihr euch hier anschauen könnt. Nicht zuletzt die exquisite Musikauswahl des iPod-DJs (also mir) sorgte für gute Laune „all along the way“, wie man in nachfolgendem Video gut beobachten kann.

 

Der Jeep machte seine Sache sehr gut, der Dachhimmel und der Teppich trockneten durch den Fahrtwind und wir spulten Meile um Meile ab.Der Jeep imposant wie immer! Irgendwann wurde es dann zu dunkel um noch zu fotografieren und so ging es über diverse Highways wieder zurück nach Charlottesville. Der Jeep war immer noch in Top-Verfassung – und das nach knapp drei Stunden Berg- und Tal-Tour. Um das zu feiern gab es noch einen Burger bei Wendy’s – der Jeep bekam seine Belohnung in Form einer Vollbetankung (was bei 2.13 Dollar pro Gallone (ca. 3,5 Liter) nur doppelt so teuer war, wie unsere Burger).

Fazit: Ob es rein regnet oder nicht können wir erst sagen, wenn es reingeregnet hat; oder auch nicht. Was ich jetzt aber definitiv weiß, ist das der Jeep auch längere Strecken bewältigen kann. Und das ist gut zu wissen, denn in genau einem Monat hole ich meinen Schatz aus Washington vom Flughafen (110 Meilen entfernt) ab. Und wenn der Jeep das schafft (also hin und zurück), dann können Christiane und ich auch den etwas längeren Trip in Angriff nehmen. New York (ca. 550 Meilen) ruft und wir werden in zwei Tagesetappen folgen. Und wenn der Jeep uns beide dann nach einer Woche sicher nach Hause gebracht hat, bin ich mir sicher, dass Martin ihn irgendwann im neuen Jahr an die Westküste fahren wird – damit er dort in Ruhe sterben kann – also der Jeep. Naja, vielleicht auch nicht – das Bild gefiel mir nur ganz gut.

Auf jeden Fall heißt es jetzt erst mal Daumen drücken – vielleicht macht sich Silikon am Auto ja genauso gut, wie am weiblichen Körper.

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3 Responses to Land unter vor Überland

  1. Katze sagt:

    Pimp my ride mal anders…
    Nette Idee, vielleicht könnt ihr den Wagen ja an irgend einen Schönheitschirurgen verramschen, damit das Silikon seiner eigentlichen Bestimmung zukommt. Kreislauf des Lebens, sozusagen…
    Viele Grüße aus dem sonnigen Dortmund
    Tobi!

  2. Max sagt:

    Hi Ho!

    Ja, wir wissen wohl beide warum wir gerade in Virginia gelandet sind… Hab mir auch mal eben schnell Deinen Blog durchgelesen und finde den auch sehr (wie sagt man nochmal…?) „cool“!!! Hier an meinem College gibt es leider ueberhaupt kein Football-Team, aber der „Verlust“ der Bundesliga schmerzt eh mehr…

    Take it easy,

    Max

  3. B.A.M.A. der sagt:

    … und ich hörte, dass wir Euch in ca 2 1 / 2 Monaten zum Ski-Fahren abholen werden?!? Wär sehr sehr cool!!!

    Viele Grüße ins Bezin-Paradies
    der City-Grill-Fan-Club

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