Club Clemons

Ich hatte in Deutschland mal einen Kurs bei Frau Haage mit dem schönen Namen „Praktischer Journalismus“. In diesem Kurs bekamen wir irgendwann einmal einen Artikel aus, soweit ich mich erinnere, unserer Uni-Zeitung, in dem es hieß, dass die Bibliothek jetzt auch rund um die Uhr aufhaben wird, damit man 24/7 studieren kann. Dann bekamen wir einen Artikel aus einer lokalen Tageszeitung, der den vorangegangen Artikel zitierte. Zu blöd nur, dass es sich beim Unizeitungsartikel um einen Aprilscherz, eine Ente handelte. Wieso ich das jetzt erzähle? Wie ich davon auf eine typisch amerikanische Studenteneigenschaft kommen soll?

Das ist eigentlich ganz einfach: Was in Dortmund als Aprilscherz in einer Zeitung steht, ist in den USA bittere Realität. Es ist 1:31 morgens und ich sitze in der „Clemons Library“ und büffele für ein Paper, das ich nächste Woche abgeben muss. Mitten in der Nacht herrscht hier „High Life“, jeder Computer ist besetzt, die Laptops surren vor sich hin, an einem Tisch neben mit gehen ein paar BWLer einen Schein-Fall durch und diskutieren, wie sie die Firmen am besten vor dem Konkurs retten können – und kommen sich dabei vor, als ginge es wirklich um Millionen. Der amerikanische Student kennt beim Lernen keine Tages- bzw. Nachtzeiten. Für ihn ist es immer an der Zeit was zu tun. Mitten in der Nacht, wenn es sein muss, oder er vorher keine Zeit hatte. Die Leute hier hocken über ihren Büchern und sehen dabei mehr als ungesund aus – was vielleicht auch mit der Masse an süßen und salzigen Snacks zusammenhängt, die hier im Minutentakt aus den Automaten gezogen werden. Den ganzen Hype um durchlernte Nächte wollte ich mir dann auch mal geben und so hab ich mich heute (mittlerweile gestern) Abend entschieden, meine Lernerei in die Bibliothek zu verlagern, ganz weit weg von meinem Bett und der damit verbundenen verdienten Nachtruhe.

foto-48.jpgSonntag, 20.48 Uhr: Ich betrete die Clemons Library und muss erst einmal nach einem Platz suchen. Hier sind alle Tische voll, überall liegen Bücher oder schlafende Studenten. Endlich finde ich einen Arbeitsplatz, der genug Raum für Laptop, Bücher, Zettel und Block bietet. Ich fange an, indem ich meine Notizen aus den einzelnen Sitzungen in den Computer hacke, auch ein neues Gefühl für mich. Zur Erklärung sei gesagt, dass es sich bei dem Paper, das ich schreiben muss, um eines für meine „Introduction to American Politics“-Klasse handelt. In diesem Paper muss ich einen Berater mimen, der dabei hilft in der (mittlerweile) abgetauten Antarktis eine Regierung aufzubauen (den, wie ich finde, sehr einfallsreichen, Originaltext habe ich unten angehängt).

foto-56.jpgSonntag, 21.50 Uhr: Seit einer Stunde lese, markiere und tippe ich jetzt schon und hab mittlerweile knapp 1/4 der Arbeit geschafft. Wohlgemerkt: der Arbeit, die ich machen muss, bevor ich anfange mein Paper zu schreiben. Die Luft ist aufgrund der Klimaanlage etwas trocken und so muss man von Zeit zu Zeit vor die Tür gehen, damit die Augen nicht ganz so wehtun.

foto-57.jpgImmer noch Sonntag, 22.58 Uhr: Ich lese gerade einen Text von Tocqueville über die ersten Puristen, die im 17. Jahrhundert Amerika besiedelten. Das waren ja schon ganz schön krasse Leute, so mal allgemein gesehen. Briten halt. Eine Passage ist mir dabei ganz besonders im Kopf geblieben:

Simply keeping company, between those who were unmarried, was severly punished. The judge was left the descretion to impose upon the gulity parties one of three penalties: a fine, a whipping, or MARRIAGE; (…)“

Schon lustig, wenn man sich überlegt, dass Heiraten damals als Strafe angedroht wurde, zusammen mit einer Strafzahlung oder dem allseits beliebten Auspeitschen.

foto-58.jpgNach wie vor Sonntag, 23.52 Uhr: Es wird langsam schwer, sich zu konzentrieren, weil die Leute um mich herum immer lauter werden – wahrscheinlich um sich selbst von ihrer Unkonzentriertheit abzulenken. Da hilft nur Kaffee, viel Kaffee um genau zu sein. In acht Minuten macht der Starbucks um die Ecke zu und dann bleibt nur noch das Gebräu aus dem Automaten, oder aber die Koffeintabletten, die noch in meiner Laptoptasche auf ihren Einsatz warten.

foto-59.jpgEndlich Montag, 1.18 Uhr: Ich bin wieder zurück in der Bib. Wo ich war? Na wo wohl – in einem Burger-Laden natürlich, um mich mit Fastfood einzudecken. Wenn ich diese Lernnacht im so genannten „Club Clemons“ (heißt so, weil die Bib immer so lange auf hat) schon mache, dann so richtig amerikanisch – und da gehört ein Burger und ein riesiges Milkshake einfach dazu. Ich setzte mich aber sofort wieder an die Arbeit, denn ich hab noch nicht alles gelesen. Ich denke, wenn ich mir die Reading-Liste so durchschaue, dass ich nicht vor drei Uhr mit dem Schreiben anfangen werde.

Montag, 2.17 Uhr: Wer wirklich verstehen will, worauf sich die Vereinigten Staaten gegründet haben, was die Ideen hinter dem Gesamtkunstwerk der Verfassung sind, sollte sich die „Federalist Papers“ holen, ein 500-Seiten foto-61.jpgBuch, geschrieben, um der, damals, nicht sehr überzeugten, amerikanischen Öffentlichkeit die Gründung der USA näher zu bringen, bzw. schmackhaft zu machen. Im „USA erklärt“-Blog gibt es einen sehr guten Artikel zu dieser Schriftensammlung. Wen das nicht interessiert, dem kann ich an dieser Stelle den „Zufälligen Artikel“-Link auf der Wikipedia-Seite empfehlen, ich hab dadurch schon so manch interessanten Artikel gefunden, wie z.B. den sehr kurzen über den Wattwurm. Ich merke, dass es langsam zu spät wird, um noch klar zu denken. Egal, die Nacht ist noch jung.

Montag, 3.30 Uhr: Die Reihen in der Clemons Library lichten sich langsam. Ich hab mir aber das Ziel gesetzt, mindestens die Einleitung zu schreiben und so kommt ein verfrühtes Nach-Hause-Gehen für mich nicht in Frage, auch wenn mein foto-60.jpgKörper mit krampfhaft versucht mitzuteilen, dass genau das die besten Idee seit Einführung der Rollbänder in großen Flughäfen ist. Mittlerweile fällt es mir schwer den Wulst an Informationen, die ich erlese, einzuordnen und abzuspeichern. Aber irgendwas wird schon hängen bleiben – zur Not mach ich aus der Antarktis einfach eine Diktatur irakischen Ausmaßes – das wird bei einem amerikanischen Politikprofessor sicherlich saugut ankommen. Vielleicht sollte ich auch noch ein bisschen was von Marx einfließen lassen.

foto-64a.jpgMontag, 3.42 Uhr (Deutschland: 9.42 Uhr): Christiane ruft mich ungläubig über Skype an und bittet mich darum den Laptop (also die Webcam) einmal komplett zu drehen, damit man alles sehen kann. Nur um sicher zu gehen, dass ich wirklich in der Bibliothek bin und lerne – ich kann sie aber gut verstehen, denn sie kennt mich schließlich am besten und weiß daher, dass Nächte in Bibiliotheken bei mir eher die Ausnahme bilden.

Montag, 4.10 Uhr: Ich gebe auf. Die Einleitung habe ich noch nicht angefange, aber immerhin mein Deckblatt ist fertig und ich habe eine Grundidee, auf die ich das Paper aufbauen kann. Meine Augen sind mittlerweile so schwer, dass selbst Cola sie foto-63.jpgnicht mehr aufhalten kann. Wenn ich jetzt eine von diesen Wachmacher-Pillen nehmen würde, käme ich nicht vor neun ins Bett und das wäre, ehrlich gesagt, total bescheuert. Deshalb beende ich hier jetzt meine Library-Nacht, die aber, trotz des etwas frühen Endes, durchaus als Erfolg zu werten ist. Ich habe bis auf die Einleitung alles geschafft, was ich mir vorgenommen hatte. Ich bin up-to-date bei allen Texten und könnte jetzt direkt als Gründer einer neuen Republik eingeführt werden – also zumindest nach einer Mütze Schlaf, wie man so schön sagt. Also, nehme ich mir jetzt meine Mütze für ein letztes Foto und verabschiede mich ins Bett.

Das Experiment war erfolgreich, glaube ich zumindest. Auf jeden Fall war diese Nacht das erste Mal, dass ich fast schon live mein Blog geschrieben habe. Ob es jemand live mitgelesen hat wage ich aber zu beweifeln. Is mir auch egal. Ich will nur noch ins Bett.

Hier noch der Originaltext der Aufgabe, für dich ich die Nacht in der Library verbracht habe:

It is the year 2215. You have just been hired as the chief political consultant for the Committee to Establish the New Republic of Antarctica (CENRA). As the Founders of Antarctica, now habitable thanks to global warming, CENRA wants you to write a memo on the question of the need, if any, to cultivate virtue or citizenship for the maintenance of the New Republic of Antarctica. They want you to present a clear account of the alternative models or ideas about the place of virtue or citizenship in a republic and how it relates to government.

The Founders of Antarctica have heard of various theories of the character of republican government outlined in readings found in a scroll entitled “PLAP101 Materials” (which is one of only a few sources from olden times to have survived the Great Flood of 2101). The people of 2215 have also heard vague stories about an old and famous republic in a place called “North America,” but there are different and conflicting accounts of what these “Americans” proposed. Some people contend that the Americans sought to establish a political system that had no need for citizen virtue (an argument allegedly made in a book called “The Federalist”), while others say that this is an inaccurate statement of the American political system.

Your charge includes making clear what the Americans had in mind. Having stated the different alternatives, the Founders of Antarctica want you to evaluate the various positions and come to a recommendation of which one is most coherent and will work best for their new system. You must explain how the structures of the new government will support your preferred role of virtue or citizenship in a republic.

Advertisements

One Response to Club Clemons

  1. Mum sagt:

    Wow! I am VERY impressed. Schlaf gut!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: