Fünf Jahre später

 

USA-Fähnchen auf dem Lawn

Fünf Jahre ist der terroristische Angriff auf New York, Washington und ein Kornfeld in der Nähe von Pittsburgh jetzt her. Ein halbes Jahrzehnt ist ins Land gegangen und trotz allem sind die Ereignisse von 9/11 noch in den Köpfen der Menschen – nicht zuletzt durch die „exzellente Medienverwertung während und nach 9/11.

Ich weiß noch genau, wie viele andere auch, wo ich am 11. September 2001 war, als zwei Flugzeuge das World Trade Center in Schutt und Asche legten und das Pentagon schwer beschädigten, als (Schätzungen zufolge) knapp 3000 Menschen ihr Leben lassen mussten. Ich war mit knapp 30 anderen Zivis bei einer Schulung in Bremen; und unser Lehrplan wurde durch die Angriffe auf die Zivilbevölkerung der USA völlig aus den Fugen gehoben. Alle saßen – teils ungläubig, teils erschüttert – vor dem einzigen Fernseher und sahen die Bilder, die von hunderten von Fernsehkameras live in die Welt ausgestrahlt wurden.

Trotz dieser (bei einem Film würde man sagen beeindruckender, packender) Bilder, hat sich 9/11 langsam aber sicher aus meinem Kopf geschlichen, die Konfrontation mit dem Thema Terrorismus ist Alltag geworden, nicht zuletzt durch die Ereignisse in Madrid, London und zuletzt auch in Deutschland. Und das sind nur die Aktionen, die die breite Öffentlichkeit mitbekommt. Hätte man Insider-Wissen, könnte man wahrscheinlich nicht mehr ruhig schlafen. Aber ehrlich gesagt, gilt das für so manches Insider-Wissen, auch in anderen Gebieten wieder der Politik oder der globalen Ökonomie.

Ich hatte mir im Vorfeld Gedanken gemacht, wie in Amerika mit dem Thema 9/11 umgegangen wird, hatte mich auf Kanonenschüsse zu jeder vollen Stunde und Soldaten in ihren Ausgehuniformen vorbereitet, war mir sicher noch mehr amerikanische Flaggen als sonst zu sehen. Doch all das blieb (zumindest hier in Charlottesville) aus.

 

Nahaufnahme der Fähnchen auf dem Lawn

Vielmehr zeigten die Lehrenden und Lernenden in stiller Trauer ihre Anteilnahme an den Schicksalen der Menschen in Washington und New York. Fast ein jeder kann eine Geschichte von einem nahen oder entfernten Verwandten/Bekannten erzählen, der am 11. September 2001 in einer der beiden Städte unterwegs war, gerade hier, nur 100 Meilen von der Hauptstadt entfernt.

Auf dem „Lawn“, der von Old Cabell Hall bis hoch zur Rotunde führt, hatten Mitglieder des Universitäts-Clubs „Students for Democracy“ 3000 kleine amerikanische Fähnchen in den Boden gesteckt, ein symbolischer Akt, um 9/11 nicht in Vergessenheit geraten zu lassen.

Und davon ist Amerika auch weiter entfernt, als der Nord- vom Südpol. Wenn auch in Charlottesville die Trauer und mit ihr der Protest nur in leisen, fast schon akademisch angehauchten, Tönen daher kommt, macht die Medienwelt (die man in Amerika, mehr als in jedem anderen Land, hassen lernt) ein solches mediales Tamtam um die Opfer und noch mehr die Helden, als wolle man immer wieder sagen: „Wehe, wenn ihr vergesst.“

Schon heute morgen, als ich aufstand, plärrten auf allen Sendern, die nicht Artikel zum Verkauf anbieten, die Reporter die immer gleichen Phrasen über den Äther. Die immer gleichen Bilder wurden eingeblendet und die Überschriften der Nachrichtenmagazin waren immer nach dem gleichen Muster gestrickt (Remembering 9/11, 9/11 – Never Forget….).

Es ist nicht so sehr das Problem, dass Menschen ihrer Trauer, ihrer Wut und ihrem Protest lautstark Gehör verschaffen wollen, es ist in meinen Augen nur die Art, in der dieses (vor allem in den Vereinigten Staaten) getan wird. Ich habe es satt, nach fünf Jahren und zwei darauf resultierenden Kriegen im Nahen Osten, zu hören, wie schlimm die amerikanische Nation durch diese terroristischen Angriffe getroffen wurde, wie sehr die Familien leiden mussten und müssen, die ihre Angehörigen verloren haben, als die beiden Türme einstürzten.

Niemand spricht an einem solchen Tag über die tausenden von Menschen, die seitdem im Namen der Bekämpfung des Terrors umgekommen sind, viele von ihnen Zivilisten, wie im World Trade Center. Viele aber auch, und das wird hier in den USA gerne klein gehalten, amerikanische Soldaten, die in Kriege ziehen mussten, um angeblich den Terror zu bekämpfen. Man hört kein Wort über diese Menschen, was aber auch nicht ganz falsch ist, denn der 11. September soll ein Gedenktag für all diejenigen sein, die an diesem Tag vor fünf Jahren im Pentagon, in New York und auf einem Kornfeld in der Nähe von Pittsburgh umkamen.

Wahrscheinlich wäre es auch einfach zu anstrengend, alle Menschen, die seitdem ihr Leben lassen mussten, zu betrauern. So hat man einen Tag, den 11. September, an dem man der Menschen gedenken kann, die ohne eigene Schuld umkamen. Wenn man das für die Opfer machen würde, die im Zuge der Terrorbekämpfung seit 9/11 umgekommen sind, müsste man jeden Tag kleine Fähnchen aufstellen und jeden Tag Sondersendungen schalten – und das wäre zuviel für den Average Joe (Otto Normalverbraucher) in den USA (und auch der restlichen Welt).

Man stelle es sich nur mal vor:

Remembering 9/12, 4/15, 10/6, 5/27, 8/9, 12/29, 2/17……

EDIT: Scheinbar ist das mit den Fähnchen so üblich. St. Francis (eine Schule in Pennsylvania) setze ein paar davon in de Rasen, hielt aber auch Gottesdienst etc.

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