Soccer, äh, Fußball

Als Europäer, wahrscheinlich auch als Süd-Amerikaner, oder Asiate oder Afrikaner, ist es schwer zu verstehen, dass Fußball, also Football, hier mit der Hand gespielt wird. Das ist selbst für Amerikaner, die man darauf anspricht, schwer zu verstehen. Okay, man tritt den Ball ab und zu, doch die meisten Spielzüge werden geworfen. Um diesen ur-amerikanischen Sport soll es aber gar nicht gehen, sondern um die beliebteste Sportart der Welt – den Fußball – der laut wikipedia in den USA nur der fünftbeliebteste Sport ist.

Fußball konnte man nicht Football nennen, weil man ja schon eine Sportart mit dem Namen hatte. Also musste ein neuer Name her – Soccer wurde (wieder)geboren. Entgegen der landläufigen Meinung hat das Wort „soccer“ nichts mit der karibischen Musikrichtung „Soca“ zu tun, es handelt sich vielmehr um eine abgewandelte Abkürzung.

In England gab es in früheren Zeiten zwei Arten von Football. Einmal das „Rugby Football“ (Rugby) und das „Association Football“ (Fußball). Der umgangssprachliche Ausdruck für Rugby war „Rugger“, Fußball bekam die Abkürzung „Assoc.“. Nach und nach näherte sich „Assoc“ dem „Rugger“-Ausdruck an und die Abkürzung wurde in „Soccer“ umgewandelt, was sich ganz nebenher auch besser sagen läßt als „Assoc“.

Da es in den USA, wie gesagt, schon ein Sportart namens Football (die Australier nennen das Spiel, dem Spielfeld nach benannt „gridiron“ und heißen trotzdem die „Socceroos“, aber die Australier sind ja eh ziemlich down-under) gab, benutzten die Amerikaner den britischen Slangausdruck, um Verwechslungen zu vermeiden.

Soviel zur Geschichte des Ausdrucks „Soccer“.

Nicht erst seit der Fußballweltmeisterschaft 1994 in den USA macht sich in diesem Land ein Trend hin zum gepflegten Rasenspiel bemerkbar, bei dem man nicht 15 kg Polster auf den Schultern tragen muss, um ein Spiel zu überleben. Fußball findet, gerade durch die einfacher Erlernbarkeit und das lockere Zusammenspiel, ob mit Freunden, in der Schule oder im Verein immer mehr Anhänger. Auch wenn Fußball die vier anderen großen amerikanischen Sportarten (Football, Basketball, Baseball, Eishockey) sicherlich nicht einholen wird, kommen immer mehr Kinder und Jugendliche in den Genuss, Fußball zu spielen.

Schon als ich in der high school in den USA war, überraschte mich die Intensität, mit der hier Fußball trainiert und gespielt wird. Jetzt an der University of Virginia bin ich mir sicher, dass Fußball auch hier in den Staaten eine große Zukunft hat.

Zu einem durchschnittlichen Footballspiel der Cavaliers (die Unimannschaft) kommen knapp 60.000 Menschen. Zu einem durchschnittlichen Spiel der Fußballmannschaft kommen vielleicht 2.000. Im Vergleich gesehen ist das nicht viel, sieht man sich aber die kurze Zeit an, die Fußball in den USA erst wirklich populär ist, sind es schon eine Menge Leute, die sich meist zwei Spiele die Woche hier im „Klöckner Stadium“ (gesponsert von einer deutschen Firma) angucken.

http://virginiasports.cstv.com/facilities/va-facilities-klockner-stadium.html

Varsity Soccer ist hier die höchste Spielklasse vor der Major League, der amerikanischen Profiliga. An den Universitäten spielen viele junge Leute, bevor sie in Profivereine hinein „gedraftet“ werden. Hier am College verdienen die Spieler kein Geld, ihnen werden dafür aber die Unterkunft, das Essen, und noch viel wichtiger, die Studiengebühren von der Universität bezahlt. So kommt man, wenn man eine kostenlose Ausbildung als Gehalt ansieht, auf knapp 30.000 Euro Netto-Verdienst im Jahr. Zudem können die Spieler nachher einen vollwertigen Abschluss vorweisen.

Nach Varsity Soccer kommt leistungsmäßig langer erst einmal gar nichts, bevor es dann mit Club Soccer weitergeht. Außerdem gibt es noch freizeitmäßig organisierte Turniere, die von der Hochschulsport-Abteilung der Uni initiiert werden. Mein Wohnheim hat eine Mannschaft für eins dieser Turniere gemeldet. Gespielt wird auf einem Kleinfeld mit sechs Feldspielern und einem Torwart.

Um aber in Form zu bleiben und nach meiner Rückkehr in den Kampf um einen Stammplatz bei den Grashüpfern voll einsteigen zu können, muss ich natürlich mehr machen, als nur einmal in den vier Monaten ein Turnier zu spielen. Nur laufen gehen und ein paar Mal die Woche das Fitnessstudio besuchen, welches hier für Studenten kostenlos ist, ist mir zu wenig, denn was nutzt alle Fitness, wenn man monatelang nicht vor einen Ball tritt.

Also hab ich eine Soccer Klasse belegt, was ein sehr lustiges Unterfangen ist. Die Klasse ist co-ed, das heißt Männer und Frauen spielen gemeinsam, ungefähr wie im Sportunterricht damals. Aber man tritt ab und zu gegen das runde Leder (zweimal die Woche, um genau zu sein) und das ist schon mal ein Anfang.

Gestern war dann Try-Out (Probetraining) für das „Club Soccer Team“. Der Spielbetrieb wird hierbei nicht von der Universität, sondern von den Studenten selbst organisiert. An fast jeder amerikanischen Uni gibt es ein solches Club Soccer Team und so sind die Studenten-Mannschaften auch ganz ordentlich in einem Verband organisiert und spielen gegeneinander in „Conferences“ (verschiedenen Ligen nach geographischen Gesichtspunkten zusammen gestellt). Es gibt sogar nationale Club Soccer Meisterschaften. Ich hatte mich per E-Mail mit einem der Verantwortlichen kurzgeschlossen und sollte also zum Probetraining kommen. Gut, dachte ich mir. Da spielen wir dann ein bisschen, vielleicht 11 gegen 11 aufs ganze Feld und dann suchen sie sich ein paar Leute aus. Weit gefehlt.http://www.student.virginia.edu/~mcsoccer

Als ich um die Ecke bog und sich der Kunstrasenplatz vor mir ausbreitete, traute ich meinen Augen nicht. Das Spielfeld war übersäht mit Spielern, die sich umzogen, warmliefen oder aufs Tor schossen. Grob geschätzt würde ich sagen, dass knapp 120 Spieler zum Probetraining erschienen waren. Und mir will irgendjemand sagen, Fußball sei in den USA die fünftpopulärste Sportart? Nie im Leben.

Wir wurden aufgeteilt, zahlten jeder 20 $ (damit finanziert die Truppe ihre Fahrten zu Auswärtsspielen), bekamen ein T-Shirt mit einer Nummer drauf und spielten erstmal eine Stunde lang sieben gegen sieben auf einem sehr kleinen Feld ohne Tore. Dabei wurden wir von den jetzigen Teammitgliedern genau beobachtet. Zum Abschluss mussten dann alle zweimal über die Breite des Platzes hin und zurück sprinten und dann wurden wir, mit der Bitte am Mittwoch wieder zu kommen, nach Hause geschickt.

Mittwoch (also heute) ist das zweite Probetraining. Ich habe mit einem Studenten gesprochen, der es schon mal im letzten Jahr versucht hatte. Seinen Angaben nach kommen am Mittwoch meist dieselben Leute wie am Montag, sprich es stoßen nur noch wenige neue Spieler hinzu. Zumeist bleiben sogar einige Spieler zuhause, aus welchen Gründen auch immer. Nach der Trainingseinheit am Mittwoch wird dann die Hälfte (ca. 50) der Bewerber (die bessere Hälfte, wohlgemerkt) zum dritten Probetraining am Freitag gebeten.

Im Endeffekt spielen diese 50 Leute dann um ca. zehn bis 15 zu besetzende Plätze im Team. Allein 12 Torhüter waren am Montagabend auf dem Kunstrasenplatz anwesend.

Was ich bisher vom Probetraining hatte? Ich bin um 20 $ ärmer, habe eine dicke Lippe, weil ich einen Elbogencheck abbekommen habe und ich weiß jetzt, dass Soccer, entschuldigung Fußball, hier weitaus beliebter ist, als ich vorher gedacht hätte. Und dem Einsatz nach zu urteilen, mit denen manch einer am Montag zu Werke ging (siehe Elbogencheck), sind die Plätze im Club Soccer Team sehr begehrt.

Mal sehen wie es für mich läuft. Vielleicht schießen wir morgen sogar mal aufs Tor. Und wenn ich es nicht ins Team schaffen sollte, schiebe ich es darauf, dass die einen Soccer-Player wollten und ich leider ein Fußball-Spieler bin.

Hier noch ein Link zu einem Video der Varsity Soccer Mannschaft: Da kann man mal sehen, was für ein Hype um diese Unimannschaften gemacht wird. Die haben sogar ihren eigenen Sportfernsehsender – U-ESPN (University Entertaining and Sports Programming Network).

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