Eine Nacht im Krankenhaus

Vorweg, ich war nicht im Krankenhaus. Ich hatte auch gar keinen Grund dazu.

Ein australischer International, ein Typ, den ich in der ersten Woche kennen gelernt habe, hatte eigentlich (nach europäischen Maßstäben) auch keinen Grund im Krankenhaus zu sein, musste aber trotzdem hin.

Aber von Anfang an:

Teil Eins – Das Vorspiel

Wir schreiben den 23. August. Ganz Charlottesville sitzt in Vorlesungen, in Seminaren, am Schreibtisch oder beim Nachmittagstee mit den Verwandten aus Washington. Ganz Charlottesville? Nein, eine kleine Gruppe Australier, angeführt von ihrem tapfersten Trinker Danny (Name von der Redaktion bewusst nicht geändert, da den Typen eh keiner kennt), hat sich nach dem ersten Vorlesungstag im ortsansässigen Irish Pub versammelt, um die Ankunft in Amerika ausgiebig zu feiern.

Es ist fünf Uhr nachmittags und ich sitze an besagtem Schreibtisch und Danny ruft an, lallt irgendetwas von „Come to the pub“ und ärgert sich dann, als ich meine, dass ich vielleicht gegen zehn Uhr nachkommen würde, falls die anderen dann noch da wären. „Warum so spät“, fragt der Surfer-Boy vom fünften Kontinent. Na ja, ich versuche ihm zu erklären, dass sich Whisky nicht so gut mit meinem Lern- und Lesepensum verträgt, verspreche aber, nachzukommen.Image by djs_111 on flickr.com

Auch Martin erhält einen Anruf von einem angesäuselten Aussie und verspricht ebenfalls im „Corner“ (der Kneipenmeile hier) vorbei zu schauen. Im Gegensatz zu mir hält sich Martin aber an sein Versprechen, nimmt gegen zehn Uhr den Bus und findet gegen zwanzig nach zehn Danny sturzbesoffen an der Theke des Irish Pubs.

Die weiteren Ereignisse basieren nur auf Erzählungen und sind in dieser kleinen Ostküstenstadt wahrscheinlich jetzt schon Mythos. Danny bestellt eine neue Runde Whisky und Bier, es geht hoch her. Die anderen Australier haben schon die Segel gestrichen und müssen rudern, um nach Hause zu kommen. (Gutes Wortspiel, oder?) Aber Danny macht, mit deutscher Unterstützung weiter, bis er vom Türsteher aufgefordert wird, seine eigene Kotze wegzuwischen, oder aber 50 $ Strafe zu bezahlen. Er wischt, er fliegt raus, er kotzt draußen weiter und torkelt, wieder mit deutscher und diesmal amerikanischer Unterstützung auf einen Hinterhof/Parkplatz, um dort dem Kotzen weiter nachzugehen.

Scheinbar noch ganz beseelt von der erzwungenen Säuberungsaktion im Irish Pub entschließt sich Danny, auch auf dem Parkplatz für Ordnung zu sorgen und wälzt sich, Saubermann, der er ist, durch sein eigenes Erbrochenes. Der Parkplatzwärter hat inzwischen die Polizei gerufen und Danny entgeht, diesmal unter massiver deutsch-amerikanischer Hilfe, seiner ersten Verhaftung an diesem Abend.

Martin (der deutsche Helfer), ruf ein Taxi, gibt dem Fahrer 20 $ und sagt ihm, wo Danny hin muss. Als das Taxi die University Avenue hinterunter fährt verschwindet es aus dem Blick und damit erst einmal aus dem Sinn.

Zwei Tage später dann eine SMS von Danny an Martin mit folgendem Inhalt: War nachts noch im Krankenhaus. Wurde von der Polizei dahin gebracht. Mann, was ein Abend. Danny.

Und dann konnte man Danny erst mal nicht mehr erreichen, nicht per Handy, nicht per Festnetz und auch nicht mehr per E-Mail.

Heute, knapp zwei Wochen später, treffe ich Danny auf dem Campus wieder und er erzählt den zweiten Teil der Geschichte, der mich erst auf die Idee bringt, dieses hier nieder zu schreiben.

Teil Zwei – Der zweite Einsatz

property of the University of Virginia @ https://i0.wp.com/www.healthsystem.virginia.edu/internet/pediatrics/images/corner.jpgDanny fährt also mit dem Taxi nach Hause zu seinem Wohnheim. Wir erinnern uns, der Taxifahrer hat schon 20 $ von Martin bekommen. Er nimmt dem besoffenen Danny aber noch mal zehn ab, einfach nur, weil er es kann.

Um frische Luft zu schnappen geht Danny nicht sofort auf sein Zimmer, sondern torkelt gedankenverloren auf dem Bürgersteig vor seinem Wohnheim herum. Scheinbar fällt er dabei öfter hin und macht auch sonst allerhand merkwürdiges Zeug, denn eine aufmerksame Studentin ruft die Polizei, die zum zweiten Mal an diesem Abend (diesmal mit einem Krankenwagen zusammen) ausrückt, um Danny einzufangen.

Das schafft sie dann auch, Danny erzählt die ganze Geschichte, die Wahrheit wohlgemerkt. Man sagt ja immer, dass kleine Kinder und Betrunkene immer die Wahrheit sagen. Jetzt ist es bewiesen. Die Polizei, die ihn eigentlich zum Ausnüchtern mit auf die Wache nehmen wollte, entscheidet sich nach der ganzen Geschichte anders und bringt ihn ins Krankenhaus, wo er komplett verdrahtet und überwacht wird – so richtig nach allen Regeln der Kunst ärztlicher Versorgung.

Am nächsten Morgen darf er nach Hause und denkt die Geschichte sei vorbei, aber weit gefehlt. Es folgt noch…..

Teil Drei – Die Anhörung

Danny bekommt Mitte desselben Tages einen Anruf vom „Internationals Office“ der Uni und wird gebeten zu einer Anhörung vor einem Komitee aus Lehrkräften und Mitarbeitern eben jenes Offices zu erscheinen. Diese haben den Polizeibericht vorliegen und legen dem armen Australier nahe, das Land wieder zu verlassen, da er (O-TON) „eine Gefährdung für sich selbst und andere ist“ und als „Botschafter seines Landes keinen guten Eindruck macht“. Harter Tobak!

Der Aussie kann sich aber dank vorangeganger Rhetorik-Seminare aus der bedrohlichen Situation heraus manövrieren und darf im Endeffekt bleiben. Jetzt muss er aber zu mehreren Treffen der AA (Anonymen Alkoholiker) und von Zeit zu Zeit beim „Internationals Office“ vorsprechen.

Und die Moral der Geschichte: Wenn man in den Staaten trinken will, dann sollte man das entweder im halbwegs verträglichen Rahmen machen, oder aber dafür Sorgen, dass man nicht vor seinem Wohnheim herum hängt, denn Studenten der University of Virginia sind verpflichtet jemanden zu melden, der besoffen ist, oder aber andere für ihn gefährliche Substanzen intus zu haben scheint. Nicht jeder nimmt diese Pflicht komplett ernst, aber in jedem Wohnheim hat man meist einen oder zwei Hardliner, die die Polizeirufnummer 911 in der Schnellwahl haben und sie auch benutzen werden.

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One Response to Eine Nacht im Krankenhaus

  1. Katze sagt:

    Wow, gut, dass ICH gestern Abend nicht in Amerika war…

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