Rückblick

Was braucht man alles für ein gutes Blog über ein Auslandssemester in den USA? Man braucht auf jeden Fall einen Laptop, um seine Gedanken zeitnah „zu Papier“ zu bringen. Man sollte außerdem noch Zeit übrig haben, in der man gedankenverloren schreiben kann. Muse ist auch sehr wichtig; die holt man sich am besten durch die richtigen Voraussetzungen – in meinem Fall wäre das ein sonniger Nachmittag, ein „Blended Chai Tea Latte“ von Starbucks und im Hintergrund (s. großes Foto) die Rotunde der University of Virginia, in der vor knapp 200 Jahren die ersten Studenten unterrichtet wurden. Wobei ich dann auch schon beim Thema dieses Beitrages bin.

Seit einer Woche besuche ich jetzt schon die „heiligen“ Hallen der University of Virginia und bewegen mich in den Fußstapfen eines gewissen Herrn Thomas Jefferson; Fußstapfen, dich ich wahrscheinlich bis zu meinem Ableben nicht mal annähernd werde füllen können. Ein Zeh wäre schon was wert – ich hoffe auf den großen Zehn, den dicken Onkel.

Eine Woche in Amerika, eine Woche an der Uni – Zeit für ein Resümee. Während hinter mir die Flagge des Bundesstaates Virginia von einer netten Polizistin herunter geholt wird, lasse ich die letzten Tage noch einmal an mir vorbei laufen.

Aller Anfang ist schwer, vor allem, wenn es mit einem – wenn auch nur auf Zeit – Abschied zusammenfällt. Aber Skype und die damit verbundene Videotelephonie haben über das Gröbste hinweg geholfen und werden es hoffentlich auch weiterhin tun.

Nach dem Abschied kam die Ankunft und mit ihr das erste Mal die große Freiheit, die man wahrscheinlich nur hinter dem Steuer eines riesigen SUVs haben kann, wenn man gelassen den Highway 29 entlang fährt.

Die erste Nacht war heiß und kurz, zu sehr hatte man sich schon an die immer laufenden Klimaanlagen gewöhnt, um ohne sie auskommen zu wollen. Mein Dank gilt hierbei vor allem Sebastian, der mich für die erste Nacht aufgenommen und mir den darauf folgenden Tag durch seine Vorkenntnis sehr viel einfacher machen konnte. Schade, dass im die Mentalität, die Leute, die nicht selten anzutreffende Oberflächlichkeit so sehr belasteten, dass er heute morgen die Heimreise antrat. Schade, dass es ihr zurück nach Deutschland zog, ich habe das Gefühl, dass er was verpassen wird.

Eine weitere Nacht folgte, diesmal in einem klimatisierten Zimmer, meinem Zimmer, auch hier wieder nur auf Zeit – aber welches der vielen Zimmer, die wir bewohnen, bewohnen wir nicht auf Zeit?

Dann die ganzen Regeln, das Nicht-Dürfen, ein übermächtiges Gefühl des Kontrolliert-Werdens, an das man sich aber erschreckend schnell gewöhnt, selbst als Europäer. Zudem noch die vielen „mandatory“ Treffen – Treffen, bei denen viel gesagt wurde, aber man das meiste schon wusste, oder aber sich selbst denken konnte. Außerdem noch ein paar nette Bekanntschaften, wie z. B. der Australier, von dem man hört, dass er vorgestern nur kurz seiner ersten Verhaftung entgehen konnte. Er sturtzbesoffen über die Straße gestolpert und jemand hatte die Polizei gerufen. Man hört, es soll eine Mischung aus Whisky und der frühen Stunde von vier Uhr nachmittags gewesen sein, die Schuld an diesem alkohol-bedingten Fehlverhalten war.

Was mir definitiv in Erinnerung geblieben ist, wenn ich die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren lasse, ist die Freundlichkeit der Menschen, die oft als Oberflächlichkeit fehlgedeutet wird. Das soll kein Generalablass für die amerikanische Bevölkerung sein, aber zumindest bei den Menschen, mit den ich es zu tun hatte, überkam mich das Gefühl, dass es sich hierbei um „echte“ Menschen handelte.

Allen voran die ganzen Advisors, Professoren, Tutoren und Residents der Colleges, die einem ver(w)irrten Deutschen gerne helfen, auch mal außerhalb der Sprechstundenzeiten. Davon träumt man noch an den deutschen Unis. Gut, aber wir beschweren uns auch über 500 Euro Studiengebühren pro Semester.

Zu nennen wäre da noch der Unterricht, den man hier bekommt. Ich hatte bis jetzt erst zwei Tage Vorlesungen, aber ich kann jetzt schon etwas über die Mühe der Professoren und ihre Teaching Assistants sagen: sie übersteigt die, die ich von Zuhause kenne bei weitem. Dreimal die Woche „class“ zu haben mag auf den ersten Blick viel sein, aber das kontinuierliche Lernen hat dem Klausuren-Lernen etwas voraus – man lernt langsamen und sparsamer, man kann sich auf Details konzentrieren und diese herausarbeiten, man bleibt bei der Stange – und man kann sich auch noch nach den „Final Exams“ an den Stoff erinnern.

Nach einer Woche ziehe ich also Bilanz; und zwar eine positive, ich würde sagen zu 66% positiv sogar. Ich merke zunehmend, dass ich an einer der besten öffentlichen Unis der Welt gelandet bin – und das der werte Herr Jefferson gut getan hat, als er diese Institution gründete – hoffentlich auch meinem Lebenslauf.

Zu guter Letzt muss ich aber noch jemanden erwähnen, der diesen Aufenthalt möglich gemacht hat und immer wieder möglich macht, ohne Reue zu empfinden. Ohne Christiane und ihr Verständnis ob der anderen Zeit, der anderen Lebensumstände und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, wäre dieses Auslandssemester so nicht möglich. Ich danke dir für deine Liebe und das Verstehen, dass auch wenn mal nicht alles ganz rund läuft, weil man sich bei Skype verpasst hat, oder nicht gleich zurück gerufen hat, diese Semester schnell zu Ende sein wird – und dann unser gemeinsames Leben starten kann. Und darauf freue ich mich jeden Tag, egal ob ich im Hörsaal, im Bus, im Zimmer, oder, wie jetzt am abgeflaggten Fahnenmast vor der Rotunde der University of Virginia sitze.

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One Response to Rückblick

  1. Chris sagt:

    Danke…
    es tut gut das zu hören. Mir geht es da genau so.
    Ich liebe Dich mein Alles!

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