Land der unmöglichen Begrenzungen

Ich bin nun seit knapp drei Tagen hier in Charlottesville an der University of Virginia. Und seit drei Tagen wird mir gesagt, was ich nicht darf. Egal wohin ich gehe, egal welches Meeting ich besuche (sei es in meinem Wohnheim, bei der Schlüsselabgabestelle oder beim Empfang der Internationals), mir wird immerzu mitgeteilt, dass man hier in einer „community“ lebt und man daher so ziemlich nichts darf. Atmen ist übrigens erlaubt. Aber auch nur, weil es lebensnotwendig ist.

Angefangen hat alles gestern Abend, da hatte ich mein erstes Meeting mit dem RC (Residential Coordinator oder so ähnlich, auf jeden Fall ein 20-jähriger Wichtigtuer, der aufpasst, dass hier keiner aus der Reihe tanzt). Ich muss hinzufügen, dass ich hier an der Uni als „First-Year“ gehandelt werde. Erstsemester-Studenten sind in der Regel 18 Jahre alt, dürfen also grundsätzlich nichts in den USA, jetzt mal ausgenommen rauchen und Autofahren – und natürlich besagten Atmen. Und da ich theoretisch auch ein „First-Year“ bin, muss ich zu den Treffen der Jungs auch hin. Also sitzen wir da, knapp zehn Leute, mache von denen noch ohne erkennbaren Bartwuchs, und bekommen von Chad (unser RC, der zu allem Übel auch noch genau gegenüber meines Zimmers wohnt) eine Belehrung, dass wir sehr viel nicht dürfen. Wenn ich jetzt hier anfangen würde, aufzuzählen, was man nicht darf, würde das den Rahmen sprengen, deshalb nur ein paar Beispiel, die ich besonders schön fand:

Man darf…

  • nicht mehr als ein ungerahmtes Poster an der Wand hängen haben, denn das verstößt gegen die Brandschutzverordnung.
  • im Winter nicht mit Schneebällen, im Sommer nicht mit Wasserbomben werfen.
  • die Moskitonetze vor den Fenstern nicht runter nehmen.
  • keine Möbel aus dem Aufenthaltsraum mit ins Zimmer nehmen, bzw. den Stuhl aus seinem eigenen Zimmer nicht in ein anderes Zimmer mitnehmen.
  • den Code für das Badezimmer (ja, den gibt es) an niemanden verraten.

Was würde selbst Lukas Podolski zu so was sagen? Ich glaube „Bescheuert, ey!“ trifft es am besten. Man fühlt sich doch leicht verarscht, wenn man so etwas zu hören bekommt, selbst als 18-jähriger wäre ich mir verarscht vorgekommen. Mein Wohnheim hat ein zehnseitiges Dokument, dass einem erklärt, was man nicht darf.

Ich taufe Amerika deshalb von heute an um. Es heißt nun nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern das Land der unmöglichen Begrenzungen. Ich finde es absolut unglaublich, wie man 18-jährigen Amerikanern nicht einmal die Selbständigkeit eines 10-jährigen zugesteht, sondern sie mit Verboten vollkleistert und ihnen durch so genannte VSOCs (Violations of Standard Conduct – sehr frei übersetzt als „Verstoß gegen allgemeine Benimmregeln“) Angst macht. Jeder Hinz und Kunz kann hier solche VSOCs aussprechen, in meinem Fall halt Chad, der, so wie ich ihn einschätze, von seinem Recht gerne und oft Gebrauch machen wird.

Da hört es aber nicht auf mit den Regeln des Nicht-Dürfens, denn abgesehen von den Wohnheimregeln gibt es natürlich auch noch akademische Regeln, die es zu befolgen gilt. Und die stellen selbst das Deutsche Grundgesetz in den Schatten. Unser Instructor, übrigens ein sehr netter Mann namens Cliff Maxwell, benutzte heute in seinem Vortrag über die „Do“s und „Don’t“s an der Uni von Virginia zig mal den Begriff „out of status“, was soviel heißt wie exmatrikuliert sein, mit einer kleinen Chance, sich vielleicht doch wieder einschreiben zu dürfen. Und das geht hier sehr leicht: eine Deadline vergessen und du bist „out of status“, zwei Noten schlechter als C- (ungefähr ne 3,5) und du bist „out of status“. Auf „out of status“-Fälle eingehen, die sich auf die verschiedenen Visa der Studenten spezialisieren, möchte ich erst gar nicht.

Was haben mir diese ersten Tage in den USA also gezeigt? Na ja, auf der Habenseite die Freundlichkeit und Begeisterung, mit der die Menschen hier ihren Job machen und neue Leute empfangen, zum anderen die absolute Oberflächlichkeit, mit der dieses oft geschieht. Aber was mir im Gedächtnis bleiben wird sind die Regeln, die Verbote, die Einschränkungen, die Bevormundungen und die angedrohten Strafen.

Anders als in Deutschland – und sicherlich auch in Resteuropa – ist eine Uni in den Staaten nicht darauf ausgelegt, die Selbstständigkeit seiner Studenten zu fördern. Eher kommt es mir so vor, als wollte die Uni zeigen, dass es Regeln und Gesetze gibt, die man befolgen muss… und dadurch aus selbst dem schlechtesten high school Schüler einen gesetzestreuen, patriotischen Bürger zu machen.

Akademisch gesehen ist die University of Virginia eine der besten Schulen der USA – aber zu welchem Preis?

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2 Responses to Land der unmöglichen Begrenzungen

  1. Mum sagt:

    Das kommt mir sehr bekannt vor – weißt du noch diese Badeanstalt im Mittleren Westen (ich habe den Namen der Stadt vergessen, aber Henry Fonda ist dort zur Welt gekommen), wo es schon am Eingang eine ellenlange Liste von Verboten gab? Und als wir auf dem Gras saßen – es war ein wunderschöner sonniger Tag – und unsere Butterbrote auspackten, da kamen Aufpasser und machten uns auf sehr unfreundliche Art und Weise darauf aufmerksam, dass wir nur an den für diesen Zweck aufgestellten Tischen essen durften? Hätten wir weiter gegessen, wären wir vor die Tür gesetzt worden (oder ins Gefängnis geworfen worden???)!

  2. Christian sagt:

    Grand Island, NE 🙂

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