USA erklärt

August 28, 2006

Ich gebe mir reichlich Mühe, nüchtern und (zumeist) nicht wertend über amerikanische Gewohnheiten, Tugenden und Verfehlungen zu reden, da ich aber ein Europäer – und damit von vornherein Amerika-Skeptiker, kann ich diese Nüchternheit nur bis zu einem bestimmten Punkt betreiben. Dafür bin ich einfach, wie gesagt, zu deutsch, zu europäisch.

Um auch mal die andere Seite zu zeigen, verweise ich in diesem Beitrag auf ein anderes Blog, welches sich mit dem Thema USA beschäftigt. Der Autor; er spricht von sich selbst als eben diesem, scheint in Deutschland lebender Amerikaner zu sein, spricht also aus Erfahrung, wenn er Dinge wie den Peanutbutter-Wahn, oder die Handschüttel-Gewohnheiten der US-Bürger/innen beschreibt. Und genau darum geht es ihm auch, denn in seinem „editorial“ schreibt er:

„Nun gibt es keinen Mangel an deutschsprachigen Blogs über die USA. Aber sie sind irgendwie alle damit beschäftigt, das Land entweder als des Satans neue Heimat zu verdammen oder es als das neue Paradies zu vergöttern. Ein Blog, in dem einfach beschrieben wird, wie die Dinge funktionieren – was eine Nationalgarde ist, wie man Sheriff wird, was Root Beer ist – scheint es nicht zu geben.“

Hier also der Link dazu, enjoy: usaerklaert.wordpress.com

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Rückblick

August 26, 2006

Was braucht man alles für ein gutes Blog über ein Auslandssemester in den USA? Man braucht auf jeden Fall einen Laptop, um seine Gedanken zeitnah „zu Papier“ zu bringen. Man sollte außerdem noch Zeit übrig haben, in der man gedankenverloren schreiben kann. Muse ist auch sehr wichtig; die holt man sich am besten durch die richtigen Voraussetzungen – in meinem Fall wäre das ein sonniger Nachmittag, ein „Blended Chai Tea Latte“ von Starbucks und im Hintergrund (s. großes Foto) die Rotunde der University of Virginia, in der vor knapp 200 Jahren die ersten Studenten unterrichtet wurden. Wobei ich dann auch schon beim Thema dieses Beitrages bin.

Seit einer Woche besuche ich jetzt schon die „heiligen“ Hallen der University of Virginia und bewegen mich in den Fußstapfen eines gewissen Herrn Thomas Jefferson; Fußstapfen, dich ich wahrscheinlich bis zu meinem Ableben nicht mal annähernd werde füllen können. Ein Zeh wäre schon was wert – ich hoffe auf den großen Zehn, den dicken Onkel.

Eine Woche in Amerika, eine Woche an der Uni – Zeit für ein Resümee. Während hinter mir die Flagge des Bundesstaates Virginia von einer netten Polizistin herunter geholt wird, lasse ich die letzten Tage noch einmal an mir vorbei laufen.

Aller Anfang ist schwer, vor allem, wenn es mit einem – wenn auch nur auf Zeit – Abschied zusammenfällt. Aber Skype und die damit verbundene Videotelephonie haben über das Gröbste hinweg geholfen und werden es hoffentlich auch weiterhin tun.

Nach dem Abschied kam die Ankunft und mit ihr das erste Mal die große Freiheit, die man wahrscheinlich nur hinter dem Steuer eines riesigen SUVs haben kann, wenn man gelassen den Highway 29 entlang fährt.

Die erste Nacht war heiß und kurz, zu sehr hatte man sich schon an die immer laufenden Klimaanlagen gewöhnt, um ohne sie auskommen zu wollen. Mein Dank gilt hierbei vor allem Sebastian, der mich für die erste Nacht aufgenommen und mir den darauf folgenden Tag durch seine Vorkenntnis sehr viel einfacher machen konnte. Schade, dass im die Mentalität, die Leute, die nicht selten anzutreffende Oberflächlichkeit so sehr belasteten, dass er heute morgen die Heimreise antrat. Schade, dass es ihr zurück nach Deutschland zog, ich habe das Gefühl, dass er was verpassen wird.

Eine weitere Nacht folgte, diesmal in einem klimatisierten Zimmer, meinem Zimmer, auch hier wieder nur auf Zeit – aber welches der vielen Zimmer, die wir bewohnen, bewohnen wir nicht auf Zeit?

Dann die ganzen Regeln, das Nicht-Dürfen, ein übermächtiges Gefühl des Kontrolliert-Werdens, an das man sich aber erschreckend schnell gewöhnt, selbst als Europäer. Zudem noch die vielen „mandatory“ Treffen – Treffen, bei denen viel gesagt wurde, aber man das meiste schon wusste, oder aber sich selbst denken konnte. Außerdem noch ein paar nette Bekanntschaften, wie z. B. der Australier, von dem man hört, dass er vorgestern nur kurz seiner ersten Verhaftung entgehen konnte. Er sturtzbesoffen über die Straße gestolpert und jemand hatte die Polizei gerufen. Man hört, es soll eine Mischung aus Whisky und der frühen Stunde von vier Uhr nachmittags gewesen sein, die Schuld an diesem alkohol-bedingten Fehlverhalten war.

Was mir definitiv in Erinnerung geblieben ist, wenn ich die vergangenen Tage noch einmal Revue passieren lasse, ist die Freundlichkeit der Menschen, die oft als Oberflächlichkeit fehlgedeutet wird. Das soll kein Generalablass für die amerikanische Bevölkerung sein, aber zumindest bei den Menschen, mit den ich es zu tun hatte, überkam mich das Gefühl, dass es sich hierbei um „echte“ Menschen handelte.

Allen voran die ganzen Advisors, Professoren, Tutoren und Residents der Colleges, die einem ver(w)irrten Deutschen gerne helfen, auch mal außerhalb der Sprechstundenzeiten. Davon träumt man noch an den deutschen Unis. Gut, aber wir beschweren uns auch über 500 Euro Studiengebühren pro Semester.

Zu nennen wäre da noch der Unterricht, den man hier bekommt. Ich hatte bis jetzt erst zwei Tage Vorlesungen, aber ich kann jetzt schon etwas über die Mühe der Professoren und ihre Teaching Assistants sagen: sie übersteigt die, die ich von Zuhause kenne bei weitem. Dreimal die Woche „class“ zu haben mag auf den ersten Blick viel sein, aber das kontinuierliche Lernen hat dem Klausuren-Lernen etwas voraus – man lernt langsamen und sparsamer, man kann sich auf Details konzentrieren und diese herausarbeiten, man bleibt bei der Stange – und man kann sich auch noch nach den „Final Exams“ an den Stoff erinnern.

Nach einer Woche ziehe ich also Bilanz; und zwar eine positive, ich würde sagen zu 66% positiv sogar. Ich merke zunehmend, dass ich an einer der besten öffentlichen Unis der Welt gelandet bin – und das der werte Herr Jefferson gut getan hat, als er diese Institution gründete – hoffentlich auch meinem Lebenslauf.

Zu guter Letzt muss ich aber noch jemanden erwähnen, der diesen Aufenthalt möglich gemacht hat und immer wieder möglich macht, ohne Reue zu empfinden. Ohne Christiane und ihr Verständnis ob der anderen Zeit, der anderen Lebensumstände und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, wäre dieses Auslandssemester so nicht möglich. Ich danke dir für deine Liebe und das Verstehen, dass auch wenn mal nicht alles ganz rund läuft, weil man sich bei Skype verpasst hat, oder nicht gleich zurück gerufen hat, diese Semester schnell zu Ende sein wird – und dann unser gemeinsames Leben starten kann. Und darauf freue ich mich jeden Tag, egal ob ich im Hörsaal, im Bus, im Zimmer, oder, wie jetzt am abgeflaggten Fahnenmast vor der Rotunde der University of Virginia sitze.


Lesen ist das halbe Leben

August 24, 2006

Mögen wir in Deutschland eigentlich noch Günter Grass? Ich bin da nicht mehr auf dem Laufenden. In den USA mögen wir Günter Grass auf jeden Fall und wir haben wahrscheinlich auch nicht mitbekommen, dass der Günni, wie ihn wahrscheinlich keiner seiner Freunde nennen darf, mal der SA SS-Günni war, wenn auch nur kurz. Wirklich. Und nur am Ende. Und sowieso. Ist doch eh Geschichte. Shit happens. Egal.

Was ich eigentlich sagen wollte, ist das man Günter Grass in den Staaten gerne liest, z.B. sein Buch mit dem Titel „Mein Jahrhundert“ (My Century). Da ich hier einen Deutschkurs belege, musste ich mir das Buch holen. Find ich auch okay, denn das Grassoreske Jahrhundert sollte man gelesen haben.

Amerikanische Studenten lesen aber auch sonst sehr gerne, oder vielleicht denken die Professoren das auch nur. Oder die Professoren wollen einfach ihre Bücher unter das Volk bringen – aber das ist ein globales Problem, gerade in Politikvorlesungen und Seminaren.

Ich habe mir die nette Grass-Lektüre gebraucht gekauft, um ein paar Dollar zu sparen. „Used“ kostete das Buch nur 9,75 Dollar, anstatt regulär 15 Dollar. „Wieso spart der Typ an einem Buch“, werdet ihr euch fragen. Naja, damit ich für die insgesamt 17 Bücher nicht soviel ausgebe.

17 Bücher für vier Kurse. Die spinnen die Amis. Ich habe heute sage und schreibe 322,39 $ im University Bookstore gelassen – und das obwohl ich 15 Bücher gebraucht gekauft habe. Zwei musste ich neu kaufen, da die gebrauchten Exemplare schon weg waren.

Und hier die Spitzenreiten für das teuerste Buch des Jahres:

1. American Foreign Policy von John Ikenberry – 60,15 $*
2. Major Problems in Am. Foreign Relations von Thomas Paterson – 51,60 $
3. American Government von James W. Ceaser – 49,15 $*

*gebrauchtes Exemplar

Nicht nur das meine Kreditkarte ächzte und stöhnte, als sie durch die Kasse gezogen wurde, nicht nur das meine Eltern (I knew it would be expensive, but that expensive…) ächzten und stöhnen werden, wenn sie die Kreditkartenabrechnung bekommen, sondern ich ächzte und stöhne jetzt schon, wenn ich mir überlege, dass ich diese 17 Bücher lesen muss.

Es gibt jedoch auch eine gute Nachricht: Man kann die Bücher nachher wieder zurück an den Uni-Buchladen verkaufen. Leider bekommt man dann für jedes Buch nur knapp 1/10 des Originalpreises zurück.

Aber immerhin muss ich sie dann nicht zurück nach Deutschland mitschleppen, oder schicken, oder noch besser, verbrennen. Der letzte musste sein, nur um die Klammer zu schließen, die ich am Anfang geöffnet hatte. Nichts für Ungut, Günni.


Besucher en masse

August 24, 2006

149 Besucher in 24 Stunden. Soviel waren hier noch nie. Ich könnte jetzt denke, dass Leute das Blog gelesen haben und aufgeregt zu ihren Freunden und Familien gegangen sind und denen davon erzählt haben. Und die haben es sich dann angeguckt und den Arbeitskollegen die Adresse per Hauspost zukommen lassen. Und und und….

Schade nur, dass ich gestern Abend noch eine Massen-E-Mail an mein gesamtes Adressbuch rausgeschickt hatte, in der die Adresse des Blog zu finden war, damit meine Leute von zuhause auch mal was zu lesen haben.

Aber 149 Besucher ist, egal wie es zustande gekommen ist, einfach der Hammer.

Danke Leute, für das Interesse, entweder an der Sache oder der Person; mir ist das egal. Hauptsache ihr lest fleißig weiter.


Ok, schön ist es hier

August 23, 2006

Wenn man die letzten Einträge liest, kann man den Eindruck bekommen, dass es mir hier nicht ganz so gut gefällt. Teilweise ist der Eindruck auch genau der, den ich vermitteln möchte, weil ich genau so fühle. Es gibt natürlich Ausnahmen, die bekanntlich Regeln bestätigen. So kümmern sich Advisors, Deans und allerlei andere Leute hier um fast jedes Belangen der Studenten, egal ob akademischer oder sozialer Natur. Und die Professoren sind sich auch nicht zu schade mal ein wenig länger zu reden, oder einem zuzuhören.

Außerdem hab ich ein paar nette Leute hier kennen gelernt, wie zum Beispiel den Australier Danny, der mit seinem neu gekauften Target-Fahrrad beinahe schon einen Unfall hatte, oder den Deutschen aus München, Martin, den ersten Physiker, den ich in meiner langen Uni-Karriere kennen lernen durfte. Und Sebastian, ein Mitstudent aus Dortmund sollte man hier auch nicht vergessen, denn er weist mich gerade in die Geheimnisse eines guten Workouts im Gym ein, wie es sich für ein Sport-Studi gehört.

Der wichtigste Faktor aber, der es mich hier aushalten lässt, sind die Verbindungen nach Hause, vor allem zu Christiane. Ich danke Gott und den Software-Entwicklern für Skype und die damit verbundenen Videoanrufe nach Deutschland zu Chris und meinen Eltern. Außerdem wollte ich Gott noch für die Erschaffung der Welt danken, ohne die es Skype gar nicht geben würde.

Jemanden beim Telefonieren zu sehen ist etwas ganz anderes als nur die Stimme zu hören. Also, jeder oder jede, die ins Ausland geht und zuhause jemanden zurück lassen muss sollte sich das Programm runterladen. Gibt es auch für den Mac.

Zu guter letzt wäre noch das Wetter und vor allem das tolle Setting zu nennen, in dem Charlottesville liegt. Umrandet von den Blue Ridge Mountains und nur durch hundert Meilen vom Ozean getrennt ist C’Ville mit Abstand die schönste Stadt der USA, die ich bis jetzt gesehen habe. Und der Campus kann locker mit Harvard oder Yale mithalten.

Um das zu beweisen hänge ich an diesen Beitrag noch ein paar von mir im Laufe der letzten Tage gemachten Panorama-Fotos an.

Die Bibliotheken

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Das Amphitheater

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Das Stadion 1 & 2

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Als die Deutschen Pearl Harbour bombadierten

August 22, 2006

Mit diesem Post eröffne ich die neue Kategorie „Typisch Amerika“, in der ich sicherlich noch einiges zu berichten haben werden, wenn man mal von der derzeitigen Geschwindigkeit der Geschehnisse ausgeht, die einem Europäer mehr als merkwürdig vorkommen.

Wir hier im Hereford Residential College sind gut ausgestattet. So steht den kochenden Studenten eine voll ausgestattete Küche zur Verfügung, die Reinlichen unter uns können sich über saubere Duschen freuen (was nicht in allen Wohnheimen auf dem Campus der Fall ist) und der Fernseh-Junkie kann seiner Abhängigkeit in einer netten Lounge frönen, welche einen großen Fernseher mit Kabelanschluss beherbergt.

In der Küche wasche ich täglich mein Geschirr (das eine Besteck, was ich habe), in der Dusche wasche ich mich täglich mindestens einmal(bis heute nur kalt, weil ich das System der Warmwasserregulierung nicht ganz kapiert hatte), nur in die TV-Lounge hat es mich, bis auf während der „Was darf ich und was darf ich nicht“-Meetings, noch nicht verschlagen.

Heute dann die Premiere, ich setze mich gepflegt auf einen der gemütlichen Lounge-Stühle, nehme die Fernbedienung zur Hand und drücke den Power-On-Knopf. Und zack, Wrestling! Ich war nie, ich bin es nicht und ich werde nie ein Fan dieses „Sports“ sein ich habe es auch aufgegeben darüber zu diskutieren, ob die Kämpfe echt oder nur inszeniert sind, weil ich mir dann irgendwann dachte: „Junge, mach was Vernünftiges in deinem Leben!“. Aber ich bin in Amerika und hier gehört Wrestling nun mal dazu – und da ich alles in mich aufsaugen soll als guter Exchange-Student, tat ich mir dann auch für eine kurze Zeit dieses Kampf-Ballett der breiten Typen an.

Nur eine Minute später guckte ich den Discovery Channel. Was mich zu dieser schnellen Abkehr vom Wrestling bewogen hatte? Also, dass ist keine lange Geschichte; um genau zu sein dauert sie nur knapp eine Minute:

Auf der Mattscheibe sieht man zwei Typen, die sich, ihren T-Shirts nach zu urteilen, „DX“ nennen. Ein paar Sekunden später finde ich heraus, dass man diese beiden netten jungen Herren in der Wrestling-Welt „De Generation X“ nennt. „De“ ist in diesem Fall ein verkümmertes „the“. Schwamm drüber, trotz dieses, für einen Literaturwissenschaftler, schlimmen Missstandes bleibe ich am Apparat und höre mir an, was die Leute zu sagen haben, die normalerweise vornehmlich ihren Bizeps sprechen lassen. Ich erkenne, dass die beiden Top-Athleten jemanden beleidigen, der per Videoschalte das Gelaber verfolgen kann und missmutig drei schaut. Die beiden Typen stehen auf irgendeinem hohen Gebäude und (aus dem Gedächtnis) geht ihr Gespräch ungefähr so:

Typ 1: Als Columbus Amerika entdeckte, hat er sicherlich seine Fahne irgendwo hingeplatzt.
Typ 2: Yeahhh!
Typ 1: Und als Armstrong den Mond betreten hat, da hat er auch seine Fahne da oben gehisst.
Typ 2: Yeahhhhhhhhhhhh!

Es folgen noch zwei Beispiele von Leuten die Fahnen aufgestellt haben, als sie irgendwo ankamen oder einfielen. Und dann kommt der Grund für mein plötzlichen, unterbewußtes Abschalten und dem daraus folgenden Umschalten auf den Discovery Channel. Immer noch sieht man Typ 1 und Typ 2 auf dem Dach stehen.

TYP 1: Und als die Deutschen Pearl Harbour bombardiert haben, da haben die sicherlich auch irgendwo danach ne Fahne gehisst.
TYP 2 (exstatisch): YEEEEEEEEEAAAAAAAAAAAAAHHHHHHHH!

Erst glaubte ich mich verhört zu haben, dann war ich beschämt, dass ich Wrestling geguckt hatte, dann sah ich zwei Giraffen Liebe machen (Discovery Channel) und dann, als Finale, wurde mir mal wieder klar, in was für einem Land ich zur Zeit bin.

Irgendjemand, wahrscheinlich ein Amerikaner, hatte diese Zeilen für die beiden Schauspieler/Wrestler geschrieben, irgendjemand muss sich darüber Gedanken gemacht haben. Und dieser Irgendjemand muss in Geschichte gepennt haben.

Oder er war gerade bei Wrestling Training, als der Zweite Weltkrieg durchgenommen wurde.


Land der unmöglichen Begrenzungen

August 21, 2006

Ich bin nun seit knapp drei Tagen hier in Charlottesville an der University of Virginia. Und seit drei Tagen wird mir gesagt, was ich nicht darf. Egal wohin ich gehe, egal welches Meeting ich besuche (sei es in meinem Wohnheim, bei der Schlüsselabgabestelle oder beim Empfang der Internationals), mir wird immerzu mitgeteilt, dass man hier in einer „community“ lebt und man daher so ziemlich nichts darf. Atmen ist übrigens erlaubt. Aber auch nur, weil es lebensnotwendig ist.

Angefangen hat alles gestern Abend, da hatte ich mein erstes Meeting mit dem RC (Residential Coordinator oder so ähnlich, auf jeden Fall ein 20-jähriger Wichtigtuer, der aufpasst, dass hier keiner aus der Reihe tanzt). Ich muss hinzufügen, dass ich hier an der Uni als „First-Year“ gehandelt werde. Erstsemester-Studenten sind in der Regel 18 Jahre alt, dürfen also grundsätzlich nichts in den USA, jetzt mal ausgenommen rauchen und Autofahren – und natürlich besagten Atmen. Und da ich theoretisch auch ein „First-Year“ bin, muss ich zu den Treffen der Jungs auch hin. Also sitzen wir da, knapp zehn Leute, mache von denen noch ohne erkennbaren Bartwuchs, und bekommen von Chad (unser RC, der zu allem Übel auch noch genau gegenüber meines Zimmers wohnt) eine Belehrung, dass wir sehr viel nicht dürfen. Wenn ich jetzt hier anfangen würde, aufzuzählen, was man nicht darf, würde das den Rahmen sprengen, deshalb nur ein paar Beispiel, die ich besonders schön fand:

Man darf…

  • nicht mehr als ein ungerahmtes Poster an der Wand hängen haben, denn das verstößt gegen die Brandschutzverordnung.
  • im Winter nicht mit Schneebällen, im Sommer nicht mit Wasserbomben werfen.
  • die Moskitonetze vor den Fenstern nicht runter nehmen.
  • keine Möbel aus dem Aufenthaltsraum mit ins Zimmer nehmen, bzw. den Stuhl aus seinem eigenen Zimmer nicht in ein anderes Zimmer mitnehmen.
  • den Code für das Badezimmer (ja, den gibt es) an niemanden verraten.

Was würde selbst Lukas Podolski zu so was sagen? Ich glaube „Bescheuert, ey!“ trifft es am besten. Man fühlt sich doch leicht verarscht, wenn man so etwas zu hören bekommt, selbst als 18-jähriger wäre ich mir verarscht vorgekommen. Mein Wohnheim hat ein zehnseitiges Dokument, dass einem erklärt, was man nicht darf.

Ich taufe Amerika deshalb von heute an um. Es heißt nun nicht mehr das Land der unbegrenzten Möglichkeiten, sondern das Land der unmöglichen Begrenzungen. Ich finde es absolut unglaublich, wie man 18-jährigen Amerikanern nicht einmal die Selbständigkeit eines 10-jährigen zugesteht, sondern sie mit Verboten vollkleistert und ihnen durch so genannte VSOCs (Violations of Standard Conduct – sehr frei übersetzt als „Verstoß gegen allgemeine Benimmregeln“) Angst macht. Jeder Hinz und Kunz kann hier solche VSOCs aussprechen, in meinem Fall halt Chad, der, so wie ich ihn einschätze, von seinem Recht gerne und oft Gebrauch machen wird.

Da hört es aber nicht auf mit den Regeln des Nicht-Dürfens, denn abgesehen von den Wohnheimregeln gibt es natürlich auch noch akademische Regeln, die es zu befolgen gilt. Und die stellen selbst das Deutsche Grundgesetz in den Schatten. Unser Instructor, übrigens ein sehr netter Mann namens Cliff Maxwell, benutzte heute in seinem Vortrag über die „Do“s und „Don’t“s an der Uni von Virginia zig mal den Begriff „out of status“, was soviel heißt wie exmatrikuliert sein, mit einer kleinen Chance, sich vielleicht doch wieder einschreiben zu dürfen. Und das geht hier sehr leicht: eine Deadline vergessen und du bist „out of status“, zwei Noten schlechter als C- (ungefähr ne 3,5) und du bist „out of status“. Auf „out of status“-Fälle eingehen, die sich auf die verschiedenen Visa der Studenten spezialisieren, möchte ich erst gar nicht.

Was haben mir diese ersten Tage in den USA also gezeigt? Na ja, auf der Habenseite die Freundlichkeit und Begeisterung, mit der die Menschen hier ihren Job machen und neue Leute empfangen, zum anderen die absolute Oberflächlichkeit, mit der dieses oft geschieht. Aber was mir im Gedächtnis bleiben wird sind die Regeln, die Verbote, die Einschränkungen, die Bevormundungen und die angedrohten Strafen.

Anders als in Deutschland – und sicherlich auch in Resteuropa – ist eine Uni in den Staaten nicht darauf ausgelegt, die Selbstständigkeit seiner Studenten zu fördern. Eher kommt es mir so vor, als wollte die Uni zeigen, dass es Regeln und Gesetze gibt, die man befolgen muss… und dadurch aus selbst dem schlechtesten high school Schüler einen gesetzestreuen, patriotischen Bürger zu machen.

Akademisch gesehen ist die University of Virginia eine der besten Schulen der USA – aber zu welchem Preis?