Es gibt nur sehr wenige Seminare oder Vorlesungen, die mich zu nachdenken anregen; bei denen ich gewillt wäre nicht nur akademisch, sondern auch ganz persönlich über den Lerngegenstand hinaus meinen Geist anzustrengen und in mich zu gehen, um heraus zu finden, was meine eigene Meinung zum Thema ist.
Heute war einer dieser Kurse. Ich würde in allgemein als den interssantesten Kurs bezeichnen, den ich hier an der University of Virginia besuche. Der Titel des Kurses ist „Berlin in German Life and Letters“, ein Titel, der zwar ein Outline dessen gibt, was in der Klasse behandelt wird, jedoch durch die allgemeine Ausrichtung seines Titels nicht in der Gänze ausdrücken kann, wieviel Stoff mit eben diesem Thema verknüpft ist.
Berlin ist meine Hauptstadt, Berlin ist wahrscheinlich die mit Abstand kulturell und sozial bedeutendste Stadt Deutschlands. So ziemlich alles, was in meinem Land wichtig ist und war ging in irgendeiner Art von Berlin aus. Und deshalb kann man auch durch eine Erforschung Berlins und Berlins Geschichte einiges über Deutschland lernen.
Natürlich ist es irgendwie peinlich, dass ich erst anfange wirklich über Deutschland nachzudenken, wenn ich im Ausland bin – aber gerade die Zeit hier in den USA lässt ein Outside-View auf mein Land zu, welches nicht zu erreichen wäre, wenn ich zuhause studieren würde. Mein Professor ist bekennender Berlin-Fan und kennt sich in der Hauptstadt wahrscheinlich besser aus als Merkel und Wowereit zusammen – und das gibt mir als Student ein riesiges Reservoir an Wissen, aus dem ich schöpfen kann.
Warum mich aber gerade der heutige Kurs zum Nachdenken angeregt hat, wird schnell klar, wenn man meine Herkunft und das Thema dieser Sitzung zusammen sieht. Ich bin deutsch und das Dritte Reich ist das dunkelste Kapitel der Geschichte meines Landes, vielleicht sogar der gesamten Menschheitsgeschichte.
Als deutscher Schüler sollte man eigentlich die ganze Timeline zwischen 1933 und 1945 runterbeten können – die meisten, ich eingeschlossen, wissen aber nur die Eckdaten – aber was man nicht weiß und worüber man auch nicht soviel lernt, ist wie der kleine Adolf aus Österreich zum größten Tyrannen der Geschichte wurde.
Ich bin jetzt 25 Jahre alt und bin seit nunmehr 18 Jahren in der akademischen Ausbildung. Ich komme in die USA, besuche einen Kurs über deutsche Geschichte und halte zum ersten Mal Hitlers „Mein Kampf“ in den Händen. Das Buch startet auf der gegenüberliegenden Seite des Klassenraumes und ich mache mir, sofort nachdem mein Professor es dem ersten Studenten reicht, Gedanken darüber, wie es sich anfühlen mag, ein solches „Werk“ in Händen zu halten. Als die Originalausgabe aus dem Jahr 1942 dann an mich weiter gereicht wird, merke ich, wie ich noch nervöser werde, beim durchblättern der ersten Seiten durchlebe ich ein Gefühlschaos von Ungläubigkeit und Wut.
Wenn man allein schon die Überschriften dieses Buches ließt, weiß man, was Hitler vor hatte. Wie konnten Staatsmänner, ja ganze Länder denken, dass von diesem Mann keine Gefahr ausging? Wie konnte man Hitler, den Jungen, der nichts zu Ende bringen konnte, an die Macht lassen. Okay, ich habe gelernt, dass es viele Faktoren gibt, warum Extremisten an die Macht gelangen – in Deutschland war das sicherlich das Scheitern der Weimarer Republik, die hohe Arbeitslosigkeit, die finaziellen Schwierigkeiten und der angeknackste Stolz der Deutschen, nachdem sie nicht nur den letzten Krieg, sondern auch ihre traditionelle Staatsform, die Monarchie, verloren hatten.
Und trotzdem, als ich die ersten Seiten des Manifests lese, kommt es mir einfach nicht in den Kopf, wie jemand, der dieses Buch gelesen hat (und das werde sie überall auf der Welt getan haben) davon ausgehen konnte, dass Hitler nur ein kleiner Spinner aus Österreich war. Er war ein Spinner, das ist sicher, aber leider, wie wir jetzt wissen, ein sehr gefährlicher, der nichts konnte, außer an seine Idee zu glauben und diese mit allen Mitteln durchzusetzen.
Es ist nur schwer vorstellbar, wie ein Mensch so etwas zu Papier bringen kann – um es dann später in großen Teilen Wirklichkeit werden zu lassen. Und es ist, auf einem zweiten Gedankenweg, auch schwer vorstellbar, dass es Menschen gibt, die noch immer diesen Doktrien folgen – und dieses in Deutschland auch zumeist öffentlich (mit ein paar Abstrichen) dürfen.
Dieses Buch zeigt mit aller Deutlichkeit, was Hitler vor hatte und wie er es durchführen wollte. Von der Gleichschaltung aller Instanzen bis zum fast schon industriellen Mord der Juden in Europa. Wieso hat niemand etwas gesagt, wieso hat niemand etwas getan – bevor und während er an der Macht war?
Es ist für mich als Deutschen, der in einem freien Deutschland ohne Krieg aufgewachsen ist, umso schwerer zu verstehen, warum Menschen ihrem „Führer“ folgten. Wir haben heute Bilder gesehen, auf denen Hitler in einem offenen Wagen durch Massen von Menschen fährt. Wieso hat niemand dort etwas getan? Ein Schuss und Deutschland (als auch der restlichen Welt) wäre einiges erspart geblieben. Es ist drastisch das zu sagen – aber leider ist es so – es fehlte einfach an Mut in der deutschen Bevölkerung. Wir waren (und sind, so denke ich) ein Volk der Gleichgültigen, ein Volk von Menschen (und Ausnahmen bestätigen hier leider nur die Regel) die nicht nachdenken wollen, die nicht handeln wollen, sondern sich nur in ihr Schicksal ergeben und sagen: „Ach, es kann nur besser werden.“
Die Geschichte straft diese Menschen als Illusionäre ab – und ich glaube, wir können von solchen Menschen genauso viel lernen, wie von denen, die sich aufgelehnt haben und die zumeist mit dem Leben bezahlt haben.
Dieser Punkt ist es, der mir im Kopf bleibt und über den ich nachdenke, auch noch nachdem ich diesen Eintrag geschrieben habe. Wir müssen aus unserer Geschichte lernen und, sollte es noch einmal dazu kommen, gewisse Bücher ernst nehmen, auch wenn sie einem auf den ersten Blick als psychopatische Werke eines Fanatikers ohne Chance auf Durchsetzung erscheinen.
Es ist ein beklemmendes Gefühl, ein Buch in Händen zu halten, welches zu der Zeit gedruckt wurde, als die Vernichtungslager ihren Dienst aufnahmen und welches von so enormer Wichtigkeit für den Verlauf der Geschichte – in Deutschland und der restlichen Welt – war. Was bleibt ist ein mulmiges Gefühl – und die Angst, dass wir wieder die Augen verschließen werden, weil Menschen einfach so sind.
EDIT: Ich bin in den Kommentaren zu diesem Beitrag aufmerksam gemacht worden,“(…) dass man die Gleichgültigkeit, die in Zeiten des Überflusses (wie jetzt in Deutschland) herrscht, (nicht) mit der angeblichen Gleichgültigkeit der Deutschen in den 1930er Jahren vergleichen kann; (…).“ (Mum). Sebastian findet „(…) ebenfalls, dass man die Ausganssituation für die jeweilige Gleichgültigkeit wirklich nicht vergleichen kann.“ Das ist sicherlich alles richtig, auch der von Tobi angebrachte Punkt, dass „(…) was die Medien angeht darf man ihre damalige Macht nicht unterschätzen.“ Menschen sind leider so, sie lassen sich Dinge vorgaukeln, vor allem, wie Tobi richtig bemerkte, wenn es sich um neue Techniken der Informationsverbreitung handelt.
Meine Kritik richtete sich nicht gegen das Deutsche Volk heute, sondern gegen das 33er Volk, wenn man das so nennen will. Ich habe in meinem Kurs (und auch vorher) einiges gelesen und kann daraus einen wichtigen Punkt herausstellen: es gab viele Menschen, die zumindest eine Ahnung hatten, wozu Hitler fähig war, gerade in der Frage um die Ausrottung der Juden. Sebastian bemerkt dazu (und das wusste ich nicht), dass „(…) Hitler zu der Zeit, in der er sein Buch geschrieben hat, bei weitem nicht allein auf weiter Flur (stand). Um die vorletzte Jahrhundertwende herum gab es beihnahe unzählige Autoren, die sich diesem Thema verschrieben hatten und, mindestens genauso bedenklich, es gab in der breiten Bevölkerung erhebliche Zustimmung für ihre Werke.“ Der Vergleich zwischen den beiden „Völkern“, dem von damals und dem von heute, scheint wirklich ein wenig zu hinken. Heute sind wir zufrieden, vielleicht gleichgültig, weil es uns gut geht, weil wir nichts zu befürchten hatten. Damals waren die Menschen zufrieden, vielleicht gleichgültig, weil Hitler sie aus der Depression führte und die ersten Kriegsjahre zudem die Deutschen nicht im eigenen Land trafen. Wie Tobi geschrieben hat: „In der ersten Zeit des Krieges ging es dem deutschen Volk relativ gut, da es vom Reichtum und der Beute aus anderen Ländern lebte. Der ideale Sozialstaat, sozusagen.“
Zum letzten Punkt, auf den ich wert gelegt hatte – warum denn niemand etwas getan hat, auch eine Einzelperson hätte die „Ära Hitler“ beenden können. Das das aber nicht so einfach war ist mir klar, denn nichts ist dem Menschen lieber und teurer als sein eigenens Leben. Tobi gab dazu folgenden Kommentar ab: „(…) würdest du auf den Verdacht hin, dass ein Typ, den du für zu wahnsinnig hälst, als dass es wahr sein könnte einfach auf der Straße erschießen und dafür dein Leben verwirken?“ Ich muss sagen, wahrscheinlich nicht.
Ich danke noch mal den Leuten, die einen Kommentar geschrieben haben, denn das zeigt mir, dass Leute die Sachen lesen, die ich schreibe – und das macht mich ein bißchen stolz. Wenn jemand noch etwas hinzuzufügen hat, dann nur zu. Abschließen kann man das Thema wohl nie, aber diesen Beitrag kann ich abschließen, und zwar mit einem Teil des Kommentars meiner Mutter: „Der deutsche Jude Eugen Kogon sagte mal im deutschen Fernsehen – vor etwa 30 Jahren -, die einizige Möglichkeit, eine Diktatur aufzuhalten, sei sie gar nicht erst entstehen zu lassen.“ So ist es wohl, und da ich jetzt mal versuche an das Gute im Menschen zu glauben, werden wir das auch hin kriegen, sollte es noch mal zu einer solchen Situation kommen.